Sommernewsletter 2017

24.08.2016

Editorial

Auch ein Sonderforschungsbereich besteht nicht ewig. Aktuell durchläuft der SFB 700 die letzte Phase seiner Förderung. Trotzdem ist unsere Agenda gut gefüllt und trotz ein wenig Abschiedswehmut freue ich mich, Sie in diesem Newsletter – wie gewohnt – über neuste Entwicklungen unseres SFB informieren zu dürfen. Ein Höhepunkt des Jahres 2017 war bereits die internationale Abschlusskonferenz des SFB im Juni, über die wir hier berichten.

Unsere wissenschaftliche Mitarbeiterin Angela Heucher berichtet in diesem Newsletter darüber hinaus über ihre Feldforschungsreise und -ergebnis. Sie hat im Rahmen Ihrer Untersuchungen zur Hungerbekämpfung eine Vielzahl von Gesprächen mit Akteuren internationaler Organisationen (IOs) in Westafrika geführt. Des Weiteren berichtet Kristóf Gosztonyi über seine Arbeit als „Scholar in Residence“ im Auswärtigen Amt.

Neben einer zum wiederholten Mal erfolgreichen Teilnahme des SFB an der 58. Jahreskonferenz der ISA in Baltimore durften wir zahlreiche Gäste am SFB begrüßen. Zudem finden Sie – wie gewohnt – die neusten Publikationen aus dem SFB am Ende des Newsletters.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre unseres Newsletters und freue uns auf Ihre Kommentare!

Herzliche Grüße

Ihr

Thomas Risse
Sprecher des SFB 700

Internationale Abschlusskonferenz des SFB 700

Grußwort des Präsidenten der FU Berlin Prof. Dr. Peter-André Alt

Grußwort des Präsidenten der FU Berlin Prof. Dr. Peter-André Alt

Nach drei erfolgreichen Förderperioden wird der SFB 700 zum Ende des Jahres seine Arbeit beenden. Hinter uns liegen zwölf Jahre intensiver Forschung zu „Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit“. Als einen der abschließenden Höhepunkte unserer Arbeit haben wir vom 22. bis 24. Juni eine Abschlusskonferenz veranstaltet. Mehr als 220 internationale Gäste aus Wissenschaft und Politik folgten unserer Einladung auf den Campus der Freien Universität Berlin.

Nach dem Empfang der TeilnehmerInnen begann die Konferenz mit einem Eröffnungsdinner und Grußworten unseres Ko-Sprechers Thomas Risse sowie des Vizepräsidenten der Freien Universität und Teilprojektleiters am SFB – Klaus Mühlhahn. Es folgten zwei Tage voller intensiver Gespräche und interdisziplinären Austausches. Im Rahmen von 16 verschiedenen Panels wurde sowohl die ganze Bandbreite der SFB-Forschung als auch externe Arbeiten vorgestellt, erörtert und diskutiert. Die inhaltliche Vielfalt der Panels reichte dabei von Fragen zu „Legitimacy in Areas of Limited Statehood“ über „Implications for International Law and the International Order” bis hin zu “Varieties of Governance in History”.

Weitere Höhepunkte der Konferenz waren zwei öffentliche Podiumsdiskussionen. Peter-André Alt eröffnete am 23. Juni als Präsident der Freien Universität Berlin die erste Podiumsdiskussion mit dem Titel Research on Governance in Areas of Limited Statehood: What Have We Learned?“. Christopher Daase & Nicole Deitelhoff von der Goethe-Universität Frankfurt, Stephen D. Krasner von der Stanford University, Amrita Narlikar vom GIGA - German Institute of Global and Area Studies, Christian Neuhäuser von der TU Dortmund und Shalini Randeria vom Institute for Human Sciences Vienna diskutierten zusammen mit dem Publikum die zentralen Forschungsergebnisse des SFB 700 und offene Fragen für zukünftige Studien. Geleitet wurde die Diskussion von Tanja Börzel als eine der Teilprojektleiterinnen des SFB 700.

Am zweiten Abend ließen wir den Konferenztag in der Domäne Dahlem auf einer Konferenzparty mit allen KonferenzteilnehmerInnen und zahlreichen SFB-Alumni ausklingen. Mit Live-Jazz und Grillbuffet wurde bis in die Nacht hinein das Wiedersehen gefeiert und die ein oder andere Diskussion der Konferenz weiter vertieft.

Den Abschluss unserer Konferenz bildete die Podiumsdiskussion zu „Foreign Policy and Areas of Limited Statehood“ am 24. Juni. Rüdiger König (Abteilungsleiter „Krisenprävention, Stabilisierung, Friedenskonsolidierung & fragile Staaten“ im Auswärtigen Amt) und Rangin Dadfar Spanta (ehemaliger Außenminister Afghanistans) begannen die Diskussion mit ihren Beiträgen. Stephen D. Krasner (Stanford University und ehemaliger Director of Policy Planning am United States Department of State) steuerte im Anschluss eine Kommentar zu beiden Vorträgen bei. Thomas Risse moderierte die Podiumsdiskussion und den anschließenden Austausch mit dem Publikum.

Hier finden Sie eine Fotogalerie mit Impressionen der Abschlusskonferenz, ebenso wie mehrere Videomitschnitte der Veranstaltungen.

Die Konferenz konnte nur durch die rege Teilnahme und Beteiligung unserer Gäste zu so einem tollen Event werden. Durch die Konferenz konnte der SFB noch einmal wertvollen Input für seine finalen Arbeiten gewinnen und zudem wurde deutlich, dass auch nach 2017 noch viele spannende Fragen zu Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit zu erforschen sind. Wir möchten uns daher an dieser Stelle herzlich bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern bedanken!

Welcome! SFB 700 begrüßt zahleiche Gäste

v.l.n.r. Christian Neuhäuser, Stephen D. Krasner, Julia Eckert, Aila Matanock

v.l.n.r. Christian Neuhäuser, Stephen D. Krasner, Julia Eckert, Aila Matanock

Der SFB 700 durfte sich auch in diesem Jahr wieder über eine Gruppe renommierter Gastwissenschaftler und Gastwissenschaftlerinnen freuen, die mit uns gemeinsam zu verschiedenen Themenfeldern forschten.

Bereits von Januar bis Februar diesen Jahres durften wir Christian Neuhäuser von der Technischen Universität Dortmund als Mercator Fellow am SFB begrüßen. Herr Neuhäuser forscht u.a. zur moralischen Verantwortung privater Akteure in Räumen begrenzter Staatlichkeit. Unter diesem Titel präsentierte er auch seine Arbeiten in einem Vortrag in unserer Jour Fixe Reihe. Einen Mitschnitt des Vortrages finden Sie hier.

Als weiteren Mercator Fellow und regelmäßigen Gast freuten wir uns im Mai und Juni Stephen D. Krasner von der Stanford University zum widerholten Male bei uns begrüßen zu dürfen. Stephen Krasner brachte seine Forschung zu externen Governance-Akteuren und State-Building Initiativen am SFB ein. Ebenfalls als Mercator Fellow verstärkte Julia Eckert von der Universität Bern die Arbeit des SFB im Juni und Juli mit ihrer rechtsanthropologischen Expertisen zu den Forschungsfeldern Transnationalisierung von Rechtsnormen, Konflikttheorie und Anthropologien moderner Staaten. Als vierten Gast hießen wir im Juni Aila Matanock von der UC Berkeley in Berlin willkommen. Im Austausch mit dem SFB arbeitete sie zu externen Governance-Akteuren und Fragen ihrer Legitimität.

Allen Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftlern möchten wir herzlich für die fruchtbare Zusammenarbeit und den hilfreichen Austausch danken!

Von Berlin nach Baltimore: Die Jahrestagung der ISA

SFB 700 auf der ISA

SFB 700 auf der ISA

Zum wiederholten Male hat der SFB 700 2017 erfolgreich an der Jahrestagung der International Studies Association (ISA) teilgenommen. Die 58. Annual Convention fand in diesem Jahr vom 22.-25. Februar in Baltimore, Maryland statt und eine Gruppe von mehr als zehn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus dem SFB machten sich auf den Weg, um an der Konferenz teilzunehmen. Die breite Forschungsvielfalt des SFB spiegelte sich in den diversen Präsentationen unserer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen wider. So stellten beispielsweise Andrea Liese, Angela Heucher und Leon Schettler gemeinsam ihre Forschung zu „Self-Legitimation through Inclusive Procedures? Evidence from Internatonal Organizatons’ Food Security Projects” vor. Luisa Linke-Behrens präsentierte mit ihrem Paper “Unravelling state capacity: How resources, bureaucratic efficiency and embedded autonomy affect governance by external actors” die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit.

Insgesamt nahm der SFB 700 an 16 Veranstaltungen auf der ISA teil. Wie schon in den vergangenen Jahren fiel auch in diesem Jahr das Fazit der ISA-Teilnahme durchweg positiv aus, so dass unserer Forscherinnen und Forscher zahlreiche neue Ideen und Impulse aus Baltimore mitbringen konnten.

Alles in einem – SFB 700 veröffentlicht neues Gesamtpublikationsverzeichnis

Das aktualisierte Publikationsverzeichnis ist da

Das aktualisierte Publikationsverzeichnis ist da

Mit großer Freude stellen wir Ihnen in diesem Newsletter auch das komplett überarbeitete und aktualisierte Gesamtpublikationsverzeichnis des SFB 700 vor. Auf über 100 Seiten sind alle Publikationen des SFB 700 seit dem Jahr 2006 erfasst. Dazu gehören – neben der SFB 700 Working Paper Series – auch die Palgrave Schriftenreihe Governance and Limited Statehood und die Nomos Serie Schriften zur Governance Forschung. Das Publikationsverzeichnis enthält neben den zentralen Schriftenreihen auch die Veröffentlichungen aller Teilprojekte des SFB 700 aus den drei Förderperioden. Unter den Publikationen befinden sich eine Vielzahl von Monographien und Sammelbänden, aber auch diverse Beiträge aus nationalen und internationalen Fachzeitschriften.

Das Gesamtpublikationsverzeichnis steht neben dem frei zugänglichen Onlineverzeichnis auch kostenlos als gedrucktes Werk sowie als PDF-Download zur Verfügung.

Internationale Organisationen als Governance-Akteure in Westafrika

Gebäude des WFP Büro in Freetown

Gebäude des WFP Büro in Freetown
Bildquelle: Angela Heucher

Die Vereinten Nationen haben im Rahmen der Sustainable Development Goals (SDGs) ein klares Ziel formuliert: Bis zum Jahr 2030 den Hunger beenden (SDG2). Mit diesem Ziel gehen auf globaler Ebene große Erwartungen an internationale Organisationen (IOs) einher, einen substanziellen Beitrag zur Ernährungssicherheit zu leisten. In Räumen begrenzter Staatlichkeit sind IOs in dieser Hinsicht zentrale Governance-Akteure: Sie stellen dieses essentielle Governance-Gut direkt bereit und führen Projekte durch, die Ernährungssicherheit langfristig gewährleisten sollen. IOs stehen dabei jedoch vor einem Dilemma: Einerseits benötigen sie die (zumindest implizite) Unterstützung diverser Akteure, gegenüber denen sie rechenschaftspflichtig sind (z.B. Mitgliedsstaaten und Governance-Adressaten). Andererseits verfügen IOs über organisationale Werte und Richtlinien für ihre Arbeit, die ebenfalls an die IO gerichtete Erwartungen widerspiegeln.

Wie gehen IOs mit diesen Erwartungen um, wenn sie divergieren? Inwiefern passen sie sich an lokale Kontexte an? Diesen Fragen des D8-Projektes „‘Talk and Action‘: Wie internationale Organisationen auf Räume begrenzter Staatlichkeit reagieren“ bin ich während meines Forschungsaufenthalts in Westafrika nachgegangen. Von Januar bis März 2016 habe ich dazu Gespräche mit Mitarbeitern internationaler Organisationen in Abidjan (Côte d’Ivoire), Niamey (Niger) und Freetown (Sierra Leone) geführt.

In humanitären Notlagen ist das entscheidende Kriterium für IOs bei der Verteilung von Gütern die Bedürftigkeit der Governance-Adressaten. Im Einklang mit organisationalen Werten und Richtlinien geben IOs Güter an diejenigen, die diese – ihrer Einschätzung nach – am meisten benötigen („needs-based approach“). So ging auch die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) bei einem Nothilfe-Projekt in Côte d’Ivoire vor: Um die landwirtschaftliche Produktion im Westen des Landes anzukurbeln, verteilte die Organisation Saatgut-Pakete an Kleinbauern, die zuvor als besonders bedürftig identifiziert worden waren. Die Projektevaluation zeigte jedoch, dass nach der Verteilung durch die FAO eine Neuverteilung innerhalb der Gemeinschaft stattfand. Dies impliziert, dass Governance-Empfänger andere Kriterien für wichtig befinden.

In entwicklungsorientierten Kontexten lassen sich andere organisationale Werte und Richtlinien beispielhaft aufzeigen. So haben manche IO-Projekte im Niger eine Gender-Komponente: Frauen erhalten demnach bevorzugt Geld („cash transfers“), um Lebensmittel für ihre Familien zu kaufen. Dadurch soll die Ernährungssicherheit von Familien gefördert und gleichzeitig die gesellschaftliche Position von Frauen gestärkt werden. In Teilen des Niger sind jedoch traditionell die Männer dafür zuständig, Lebensmittel für die Familie zu besorgen, sodass die Verteilungsmechanismen des Projekts mit Erwartungen der Bevölkerung vor Ort kollidieren können.

Das auch IOs und Regierungen unterschiedliche Ansichten darüber haben können, wie Projekte zu gestalten sind, zeigt sich in Sierra Leone: Während IOs in Gesprächen auf das Kriterium der Bedürftigkeit verwiesen, war es der Ansatz der Regierung, alle Regionen innerhalb des Landes gleichberechtigt zu berücksichtigen, sodass sich keine Region benachteiligt fühlt.

Ob in Côte d’Ivoire, Niger, oder Sierra Leone: IOs sind mit divergierenden Erwartungen konfrontiert. Sie wenden verschiedene Strategien an um damit umzugehen, wie z.B. Verteilungskriterien transparenter zu gestalten, oder lokale Interessensgruppen verstärkt einzubeziehen. Doch mit divergierenden Erwartungen umzugehen, bleibt ein Balanceakt in der täglichen Arbeit internationaler Organisationen – ganz zu schweigen von den großen Erwartungen an IOs, einen wesentlichen Beitrag zum Ende des Hungers zu leisten.

Über die Autorin:

Angela Heucher ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Teilprojekt D8 - 'Talk and Action'. Wie internationale Organisationen auf Räume begrenzter Staatlichkeit reagieren. Im Rahmen des Projektes führt sie Fallstudien zu internationalen Organisationen im Themenfeld Ernährungssicherheit in Westafrika (Côte d’Ivoire, Niger, und Sierra Leone) durch.


Als „Scholar in Residence“ im Auswärtigen Amt

ein Bericht über Arbeit zwischen Wissenschaft und politischer Praxis

ein Bericht über Arbeit zwischen Wissenschaft und politischer Praxis

Im Rahmen des Transferprojektes T3 des Sonderforschungsbereiches 700 werden die Ergebnisse der Grundlagenforschung des SFB 700 aus allen drei Förderperioden hinsichtlich ihrer Policy-Implikationen für die deutsche Außenpolitik ausgewertet und aufbereitet.

Es bildet somit eine Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politikpraxis. Das Auswärtige Amt (AA) ist dabei der zentrale Transferpartner. Ein Grundlegender Bestandteil dieser Zusammenarbeit zwischen dem SFB und dem AA sind sogenannte „Scholar in Residence“.

Die Zeit vom 1. Juni bis zum 31. Dezember 2016 verbrachte ich selbst als „Scholar in Residence“ im Auswärtigen Amt. Die Scholars in Residence sind Mitarbeiter*innen, die der SFB 700 für etwa sechs Monate ins Auswärtige Amt entsendet, um dort an gemeinsam ausgewählten Schwerpunktthemen zu arbeiten. Während seines Aufenthaltes arbeitet der Scholar mit einem Kernteam aus drei wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen des SFB 700 zusammen. Innerhalb des AA ist dieses Team im Referat S01 („Steuerungsgruppe, Grundsatzfragen, fragile Staaten“) der Abteilung S („Krisenprävention, Stabilisierung, Konfliktnachsorge und Humanitäre Hilfe“) angegliedert.

Nach den ersten beiden Schwerpunktthemen im Wissenstransfer, Rechtsstaatsförderung und Sicherheitssektorreform bildete das Thema „Stabilisierung“ den dritten Schwerpunkt. Die Themenwahl erklärt sich durch die zunehmende Bedeutung des Stabilisierungsbegriffes in der internationalen Politik. Viele westliche Staaten, wie z.B. die Vereinigten Staaten von Amerika, Großbritannien, die Niederlande oder Kanada haben Stabilisierung als zentrale Zielsetzung ihres Engagements in fragilen und Konfliktstaaten definiert.

Als ich im Juni 2016 meine Tätigkeit im AA aufnahm, hatte sich schon eine Arbeitsdefinition von Stabilisierung beim AA und dem Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) herausgebildet. Diese Arbeitsdefinition beschrieb Stabilisierung als Maßnahmen zur Förderung politischer Prozesse, die zu einer Einhegung von Gewalt oder zur Schaffung eines sicheren Umfeldes und/oder zur Verbesserung von Lebensbedingungen führen. Da aber diese Definition keine konkreten Anleitungen enthielt, die Referenten*innen bei ihrer Arbeit hätten nutzen können – z.B. bei der Planung von Stabilisierungsmaßnahmen in einem Krisenland – wurde die Operationalisierung des Stabilisierungsbegriffes schnell zum Ziel meines Aufenthaltes. Die besondere Projektstruktur von T3 gestattet es, Arbeitsprozesse innerhalb der Bürokratie des AA über die Zeit hinweg sehr intensiv zu begleiten sowie Transferleistungen auf den spezifischen Bedarf der Arbeitsebene anzupassen.

In der Startphase testeten wir dafür im Juli 2016 im Rahmen eines gemeinsamen Workshops im AA den vom C9 Projekt des SFB 700 entwickelten Stabilisierungsansatz. Im Workshop wurde deutlich, dass der verwendete Ansatz der mittlerweile zwischen dem AA und dem BMZ erarbeiteten Definition von Stabilisierung nicht voll entsprach und deshalb angepasst werden musste. Nach der Sommerpause führten wir deshalb mehrere Gespräche mit verschiedenen Referenten aus dem AA, um eine geeignete Anpassung zu erreichen.

Zeitgleich mit den erneuten Gesprächen im AA führte ich eine Literaturrecherche zum Thema Stabilisierung durch, konsultierte Mitarbeiter*innen des SFB 700 und traf mich mit Kollegen aus nationalen und internationalen Institutionen mit entsprechender Expertise. Der so angepasste Stabilisierungsansatz baut auf dem ursprünglichen C9-Modell auf und erweitert es. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Wirkung von Stabilisierungsmaßnahmen wurden so aufgearbeitet, dass sie die Praxisebene auf eine strukturierte Konflikt- und Fragilitätsanalyse verpflichten, um die Kontextbedingungen des externen Engagements sorgfältiger in den Blick zu nehmen.

Unser Ziel war es, den von uns aktualisierten Operationalisierungsansatz bei konkreten Planungen für Engagements in bestimmten Krisenländern zu testen. Mit der Unterstützung von David Remmert und Bianca Süßenbach (ebenfalls T3) gelang es uns, Zusagen von zwei Referenten für diese Erprobung zu erhalten. Der aus der Länderplanung hervorgegangene Operationalisierungsansatz wird zurzeit in Form eines interaktiven Online-Tools dauerhaft institutionalisiert und soll somit langfristig zur Anwendung kommen. Dieses Online-Tool, intern als Vademecum bezeichnet, bietet Mitarbeitenden des AA künftig Anleitungen bei Analysen, Strategie-Entwürfen, Evaluierungen u.v.m.

Zusätzlich zur Operationalisierung des Stabilisierungskonzeptes lieferte der SFB weitere Inputs zu den Themen Maßnahmenplanung (Wirkungsannahmen) und Wirkungsevaluierung. Diese Module werden ebenfalls ins Vademecum aufgenommen und können somit als weitere Transferleistung des SFB betrachtet werden. Bis Mitte des Jahres 2017 soll dieses Online-Tool im Intranet des AA installiert sein.

Diese Ergebnisse illustrieren die Bedeutung und enormen Potentiale dieses besonderen Wissensaustauschs zwischen Wissenschaft und politischer Praxis.

Über den Autor:

Kristóf Gosztonyi ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Teilprojektes C9 Aid, Minds, Hearts: A Longitudinal Study of Governance Interventions in Afghanistan am SFB 700 und war zudem drei Monate lang als „Scholar in Residence“ im Auswärtigen Amt tätig.



Neuerscheinungen aus dem SFB 700

Monographien und Sammelbände

Awortwi, Nicholas/Walter-Drop, Gregor 2017: Non-State Social Protection Actors and Services in Africa, Routledge

Rinke, Stefan 2017: Latin America and the First World War, Cambridge University Press

Finkenbusch, Peter 2017: Rethinking Neo-Institutional Statebuilding: The Knowledge Paradox of International Intervention, Routlegde

Müller, Markus-Michael/Moe, Louise Wiuff 2017: Reconfiguring Intervention: Complexity, Resilience and the "Local Turn" in Counterinsurgent Warfare, Palgrave

Risse, Thomas 2016: Domestic Politics and Norm Diffusion in International Relations. Ideas Do Not Float Freely, Routledge

Ausgewählte Beiträge in Zeitschriften und Sammelbänden

Esders, Stefan 2017: Zwischen Historie und Rechtshistorie. Der consensus iuris im frühen Mittelalter, in: Epp, Verena/Meyer, Christoph H. F. (Hrsg.): Recht und Konsens im frühen Mittelalter, Ostfildern 2016 (Vorträge und Forschungen 82), Jan Thorbecke Verlag 427-474

Müller, Markus-Michael/Hochmüller, Markus 2017: From regime protection to urban resilience? Assessing continuity and change in transnational security governance rationales in Guatemala, in: Geoforum, Elsevier, Amsterdam.

Beisheim, Marianne/Simon, Nils 2017: Die Umsetzung der SDGs durch Multi-Stakeholder Partnerschaften. Bessere Meta-Governance seitens der Vereinten Nationen gewünscht?, in: Lepenies, Philipp/Sondermann, Elena (Hrsg.): Globale politische Ziele. Bestandsaufnahme und Ausblick des Post-2015 Prozesses, Nomos, Baden-Baden.

Böhnke Jan/Koehler Jan/Zürcher, Christoph 2017: State formation as it happens: insights from a repeated cross-sectional study in Afghanistan, 2007–2015, in: Conflict, Security & Development 17: 2.

SFB Working Paper Series

SFB 700 2017: Publikationsverzeichnis, Juni 2017

Linke-Behrens, Luisa/Heucher, Angela/Schettler, Leon 2017: "Measuring Statehood on a Sub-National Level: A Dialogue among Methods", Februar 2017.

van Hoof-Maurer, Lisa/Linke-Behrens, Luisa 2016: External Authority: A Compensation of Limited Statehood in the Provision of Collective Goods, Juli 2016.

Impressum

Kontakt

Freie Universität Berlin
Sonderforschungbereich (SFB) 700
Alfried-Krupp-Haus Berlin
Binger Str. 40
14197 Berlin
Germany

Tel.: +49-30-838 58502
E-Mail: sfb700@fu-berlin.de

Web: www.sfb-governance.de
Redaktion: Eric Stollenwerk/Johannes Klemt

Leitung des SFB 700

Sprecher: Prof. Dr. Thomas Risse
Sprecher: Prof. Dr. Stefan Rinke
Wiss. Geschäftsführer: Eric Stollenwerk, M.A.

Forschungsprogramm des SFB 700

Governance ist zu einem zentralen Thema sozialwissenschaftlicher Forschung geworden. Der SFB 700 fragt nach den Bedingungen von Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit, d.h. in Entwicklungs und Transformationsländern, zerfallen(d)en Staaten in den Krisenregionen der Welt oder, in historischer Perspektive, verschiedenen Kolonialtypen.

Die Hauptforschungsfragen des SFB 700 sind:
Unter welchen Bedingungen entsteht effektives und legitimes Regieren in Räumen begrenzter Staatlichkeit?
Welche Probleme gehen damit einher?
Welche Auswirkungen kann eine so verstandene Governance auf nationale und internationale Politik haben?

Der SFB 700, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), hat seine Arbeit 2006 aufgenommen.
 

Partnerorganisationen des SFB 700