Programm

Der Sonderforschungsbereich 700 „Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit" beschäftigt sich mit der Frage:

Wie und unter welchen Bedingungen wird in Räumen begrenzter Staatlichkeit regiert, und welche Probleme entstehen dabei?

In Gebieten, in denen Staaten sich nicht durchsetzen können, untersucht der SFB 700 Governance, d.h. die vielfältigen Formen des Regierens. Wie werden kollektive Güter hergestellt, wenn Staaten kein Gewaltmonopol haben? Wie werden verbindliche Regeln (durch)gesetzt, wenn Staaten die Kapazitäten dazu fehlen?

Die klassische Governance-Forschung setzt in der Regel Kernelemente moderner Staatlichkeit als Hintergrundbedingung voraus. Diese Kernelemente moderner Staatlichkeit fehlen außerhalb der OECD-Welt und in historischen Räumen meistens, oder sie werden durch funktionale Äquivalente stark variiert. Um die vielfältigen Formen des Regierens in Räumen begrenzter Staatlichkeit zu erfassen, war deshalb die kulturelle Übersetzung unserer forschungsleitenden Konzepte notwendig – Übersetzung im Sinne einer Anpassung an die soziopolitischen Bedingungen in Räumen begrenzter Staatlichkeit. Die unterschiedlichsten Formen des Regierens, die auf diese Weise sichtbar wurden, gilt es nun in der dritten Förderperiode auf ihre Erfolgsbedingungen hin zu untersuchen. Mit dem Ziel empirisch gesättigter Theoriebildung fragen wir, erstens, nach den Erfolgsbedingungen effektiver Governance. Besonderes Augenmerk richten wir dabei auf vier Faktoren, die wir in der Vergangenheit als entscheidend für den Erfolg oder Misserfolg des Regierens befunden haben: den Institutionalisierungsgrad der Governance sowie die (Rest-)Staatlichkeit, die empirische Legitimität und das soziale Vertrauen am jeweiligen Leistungsort. Zweitens fragen wir eigens danach, wie die empirische (Il‑)Legitimität von Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit zustande kommt. Drittens wollen wir die Konsequenzen der von uns untersuchten Formen des Regierens aufzeigen und – nicht zuletzt in Form von Politikempfehlungen – beurteilen. Hier beschäftigen uns die Auswirkungen komplexer Governance-Arrangements auf Staat, Staatlichkeit und das internationale System; Möglichkeiten der Koordination von Akteuren und der Vermittlung zwischen unterschiedlichen normativen Ansprüchen (Meta-Governance); schließlich auch die unumgänglichen Fragen nach Anerkennungswürdigkeit und sozialer Gerechtigkeit.