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Glossar
Diese Übersicht führt zentrale Begrifflichkeiten der Forschung des SFB 700 auf und erläutert deren Konzeption, Reichweite und Desiderata.
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Governance
Unter Governance verstehen wir institutionalisierte Modi der sozialen Handlungskoordination, die auf die Herstellung und Implementierung verbindlicher Regelungen bzw. auf die Bereitstellung kollektiver Güter abzielen.
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Herrschaft
Unter Herrschaft verstehen wir eine institutionalisierte Hierarchie mit Legitimationsanspruch als institutionalisierte „Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden“
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Staat
Unter Staat verstehen wir politischen Herrschaftsverband, der auf internationaler Anerkennung, der Letztverantwortung zur Regel(durch)setzung und dem Gewaltmonopol beruht.
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Staatlichkeit
Unter Staatlichkeit verstehen wir die konstitutiven Eigenschaften eines Staates, nämlich internationale Anerkennung, Letztverantwortung zur Regel(durch)setzung und Gewaltmonopol.
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Räume begrenzter Staatlichkeit
Mit Räumen begrenzter Staatlichkeit meinen wir territoriale Räume, Politikfelder und/oder bestimmte soziale Zielgruppen, in denen bzw. für die die staatliche Fähigkeit zur (Durch-)Setzung verbindlicher Regeln und/oder des Gewaltmonopols zumindest zeitweise faktisch eingeschränkt ist.
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Steuerung
Unter Steuerung verstehen wir Modi der sozialen Handlungskoordination zur Einschränkung und Ausrichtung von Handlungsoptionen.
Dabei lassen sich unterscheiden:
(1) Hierarchische Steuerung: Hierarchie kennzeichnet die klassischen, vertikalen Formen hoheitlicher Steuerung. Es geht um Weisungen (Befehle), denen sich Akteure unterwerfen müssen und deren Einhaltung notfalls mittels Zwangsgewalt und gegen die Interessen der Akteure durchgesetzt wird. Eine besondere Form hierarchischer Steuerung ist Herrschaft (Definition und Erläuterung s.o.).
(2) Nicht-hierarchische Steuerung: Nicht-hierarchische Steuerungsformen sind Modi der Handlungskoordination, die nicht allein auf hoheitliche Gewalt zurückgreifen. Dabei lassen sich folgende Formen unterscheiden:
(a) indirekte Steuerung durch Rückgriff auf Interessenkalküle und Strukturierung von Interessenkonstellationen:
- Steuerung durch Anreize und/oder Sanktionen (z.B. bargaining)
- Steuerung durch Regelungsstrukturen (z.B. institutionalisierte Selbstregelung, Verhandlungs- und Wettbewerbssysteme)
(b) „weiche“ Steuerung durch horizontale Strukturierung von Handlungsoptionen:
- Steuerung durch Diskursstrukturierung: Erzeugung von (unhinterfragbarer) Bedeutung, z.B. durch den Versuch, Themen und Interpretationen durchzusetzen (framing)
- Steuerung durch Argumente: Einsatz von Lern- und Überzeugungsprozessen, z.B. arguing, rhetorisches Handeln und hypocrisy
- Steuerung durch Symbole: Präsentation von Symbolen zur Erzeugung von Resonanz bei den Adressaten
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Gouvernementalität
(a) allgemeine Bedeutung: Denksystem in Bezug auf die Art und Weise des Regierens; i.e.: Regierungsrationalität, die bestimmte Aktivitäten des Regierens sowohl für Regierende als auch für Regierte denk- und praktizierbar macht.
(b) enge Bedeutung: ein im 18. Jahrhundert installiertes Machtsystem, das „als Hauptzielscheibe die Bevölkerung, als wichtigste Wissensform die politische Ökonomie und als wesentlichestechnisches Instrument die Sicherheitsdispositive hat“
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SFB Ziel 1 - Modi der Handlungskoordination und Machtverhältnisse
aus der ersten Förderperiode:
Hier wollen wir uns auf die Analyse der verschiedenen – hierarchischen und nicht-hierarchischen – Modi der Handlungskoordination konzentrieren. Wie sieht das Verhältnis zwischen hierarchischen Modi, Governance durch Anreize/ Sanktionen und „bargaining“ sowie durch Argumente/ Lernprozesse, diskursive Praktiken und durch Symbole im Einzelnen aus? In diesem Zusammenhang werden wir stärker die Rolle von Machtverhältnissen im Rahmen nicht-hierarchischer Steuerung fokussieren.
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SFB Ziel 2 - Staatlichkeit als Kontextbedingung von Governance
aus der ersten Förderperiode:
Wie viel funktionierende Staatlichkeit im Sinne der Rechtsdurchsetzungsfähigkeit und der Aufrechterhaltung des Gewaltmonopols ist notwendig, damit Governance-Leistungen in den verschiedenen Politikfeldern effektiv und legitim erbracht werden können? Unter welchen Bedingungen kann der „Schatten der Hierarchie“ auch von anderen Akteuren bzw. Institutionen bereitgestellt werden.
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SFB Ziel 3 - Effektivität und Legitimität von Governance
aus der ersten Förderperiode:
Hier geht es um die Wirkungen der Governance-Prozesse und -Strukturen auf Effektivität und Problemlösungsfähigkeit einerseits und auf Legitimität und Partizipationschancen der Betroffenen und Regelungsadressaten andererseits. Wir werden auch die nicht-intendierten Konsequenzen von Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit im Sinne positiver und negativer Externalitäten untersuchen. Wie erwähnt, werden wir normative Fragen des Regierens in Räumen begrenzter Staatlichkeit systematischer als bisher als Querschnittsthema des SFB behandeln.
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SFB Ziel 4 - Aneignungs- und Abwehrprozesse
neu in der zweiten Förderperiode:
In der kommenden Förderperiode werden wir sehr viel stärker auf die lokalen Governance-Diskurse in Räumen begrenzter Staatlichkeit fokussieren. Dabei interessieren uns insbesondere die Prozesse der Aneignung und Abwehr sowie des Transfers und der Übersetzung zwischen lokalen Governance-Diskursen einerseits und internationalen Anforderungen an Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit andererseits (Mehrebenenproblematik). Welche diskursiven Austauschprozesse zwischen Ausgangsgesellschaften und Empfängergesellschaften lassen sich hier beobachten, zu welchen Interessenkonflikten kommt es? Welche Lern- und Diffusionsprozesse lassen sich ausmachen? Wie sind diese Vorgänge normativ zu bewerten?
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SFB Ziel 5 - Von der Produktion privater Güter zur Bereitstellung von Governance
neu in der zweiten Förderperiode
In Räumen begrenzter Staatlichkeit ist die Grenze zwischen privaten und Kollektivgütern häufig fließend. Wann und unter welchen Bedingungen werden Akteure zu Governance-Akteuren in dem Sinne, dass sie öffentliche Aufgaben „für das Kollektiv“ übernehmen? Welche Rollenerwartungen werden in diesem Zusammenhang an staatliche und nicht-staatliche Akteure gestellt, und zwar sowohl im Hinblick auf die Eigen- als auch die Fremdzuschreibung? Welchen Merkmalen muss das Kollektiv von Anspruchsberechtigten, Adressaten und Empfängern genügen, damit von Governance-Leistungen gesprochen werden kann?
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SFB Ziel 6 - Materielle Ressourcen und Governance
neu in der zweiten Förderperiode
Governance braucht materielle Ressourcen, und zwar unabhängig davon, wer Governance-Leistungen über welche Modi der Handlungskoordination erbringt. Wer steuert welche Ressourcen bei, wie werden diese verteilt, und welche Konsequenzen hat dies für Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit? Im Einzelnen geht es um Steueraufkommen, Renteneinkommen, Militär, Entwicklungshilfe und andere, auch private, Ressourcen.
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