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Gouvernementalität

(a) allgemeine Bedeutung: Denksystem in Bezug auf die Art und Weise des Regierens; i.e.: Regierungsrationalität, die bestimmte Aktivitäten des Regierens sowohl für Regierende als auch für Regierte denk- und praktizierbar macht.

(b) enge Bedeutung: ein im 18. Jahrhundert installiertes Machtsystem, das „als Hauptzielscheibe die Bevölkerung, als wichtigste Wissensform die politische Ökonomie und als wesentlichestechnisches Instrument die Sicherheitsdispositive hat“

Erläuterungen:

(a) Allgemeine Bedeutung: In seinen Vorlesungen zur Geschichte der Gouvernementalität arbeitet Michel Foucault drei Regierungsrationalitäten heraus: die Staatsräson, den Liberalismus (Gouvernementalität im engeren Sinne, s. Definition (b)) und den Neoliberalismus. Alle drei Rationalitäten des Regierens richten sich auf spezifische Ziele, stützen sich auf spezifische wissenschaftliche Disziplinen und bedienen sich spezifischer Regierungsinstrumente. Die allgemeine Bedeutung von Gouvernementalität ist also ein in Raum und Zeit veränderliches Denksystem, das bestimmt, auf welche Weise „man das Verhalten der Menschen steuert“.

Regierung: Regierung meint bei Michel Foucault nicht die Führung eines Staates, sondern bezeichnet die „Gesamtheit der Institutionen und Praktiken, mittels derer man die Menschen lenkt, von der Verwaltung bis zur Erziehung“ . In der Perspektive der Gouvernementalität bezeichnet der Begriff des Regierens also nicht allein staatliche Lenkungsprozesse, sondern allgemein die Führung und Selbstführung von individuellen und kollektiven Akteuren. Mit dem Begriff Gouvernementalität verweist Foucault auf den politischen Charakter von Wissen und seine Symbiose mit Praktiken des Regierens Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Wissensarten und welche „Rationalitäten“ bestimmten Formen des Regierens zugrunde liegen. Foucaults methodischer Zugang ist hierbei die Diskurs- bzw. Aussagenanalyse. In der Perspektive der Gouvernementalität lässt sich zudem – diskursanalytisch – das Zusammenspiel von Herrschaftstechniken und Subjektivierungsweisen untersuchen.

Gouvernementalität und Governance: Die Verbindung von Gouvernementalitäts- und Governance-Perspektive macht es möglich, bei der Ziehung von Sagbarkeitsgrenzen und in Prozessen der Wirklichkeits- und Problemkonstruktion nach Machtverhältnissen und Akten politischer Steuerung zu fragen. Mit Hilfe der Gouvernementalität kann also dem Problemlösungsbias so wie der potentiellen Machtblindheit der Governance-Forschung begegnet werden. Auch ist es in dieser Perspektive möglich, die bewusste Hegemonialisierung oder Förderung bestimmter Diskurse als Mechanismus politischer Steuerung zu untersuchen. Die Foucaultsche „Taktik“ der Genealogie, die auf eine konsequente Historisierung des modernen europäischen Staates zielt, befruchtet zudem eine kritische Hinterfragung der Übertragbarkeit des Governance-Konzeptes auf nicht-westliche Räume.

(b) enge Bedeutung: Foucault setzt das spezifische Machtsystem „Gouvernementalität“ mit dem Liberalismus bzw. mit der liberalen Rationalität des Regierens gleich. Die drei für den Liberalismus entscheidenden Elemente sind die Bevölkerung, die politische Ökonomie sowie die Sicherheitsdispositive.

Bevölkerung: Im Rahmen der liberalen Rationalität des Regierens bildet die Bevölkerung die Hauptzielscheibe von Regierungstechniken. Mit Hilfe von Eingriffen in die öffentliche Hygiene, die Wohnverhältnisse der Bevölkerung sowie in die Geburten- und Sterberate soll die Bevölkerung statistisch erfasst und somit regulier- und regierbar gemacht werden.

Politische Ökonomie: Die politische Ökonomie wird im Rahmen der liberalen Rationalität des Regierens zum dominanten Kriterium von Regierungshandeln. Mittels der politischen Ökonomie wird bestimmt, wie viel regiert werden sollte und welche Regierungsinterventionen richtig oder falsch sind (Bereich der Wahrheit).

Sicherheitsdispositive: Sicherheitsdispositive sind sozialtechnologische Instrumente, mittels derer auf statistisch ermittelte, als Gefahren wahrgenommene Vorgänge in der Bevölkerung reagiert wird. Sicherheitsdispositive setzen sich somit aus der Sozialpolitik, der Gesundheitspolitik und der polizeilichen Überwachung der Bevölkerung zusammen.

Klärungsbedarf:

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Stand 15.07.2010

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