Sommernewsletter 2015

08.04.2015

Editorial

Während sich das Sommersemester 2015 dem Ende neigt, läuft am SFB 700 die Feldforschung auf Hochtouren. Daher möchten wir Ihnen in diesem Newsletter einen Zwischenstand präsentieren und einige Ergebnisse der empirischen Datenerhebungen aus den verschiedenen Teilprojekten und Disziplinen vorstellen. Zuvor gestaltete sich der Jahresbeginn 2015 bereits sehr erfolgreich für den SFB, mit einer gelungenen Teilnahme an der Annual Convention der International Studies Association (ISA) in New Orleans, USA. Darüber hinaus fanden seit Anfang des Jahres zahlreiche Veranstaltungen im Haus und bei unseren Kooperationspartnern statt, über die wir Sie ebenfalls an dieser Stelle gerne auf dem Laufenden halten möchten. Schließlich werden wir Ihnen im aktuellen Newsletter einen weiteren Mercator Fellow des SFB vorstellen und einen Überblick über die aktuellen Publikationen geben.

Wir wünschen Ihnen wie immer viel Spaß bei der Lektüre und freuen uns sehr auf ihr Feedback!

Herzliche Grüße

Ihr

 

Thomas Risse
Sprecher des SFB 700

Stephen D. Krasner als Mercator Fellow am SFB

Mercator Fellow Prof. Dr. Stephen D. Krasner

Mercator Fellow Prof. Dr. Stephen D. Krasner
Bildquelle: Stanford University

Von Anfang April bis Ende Juni konnte der SFB 700 Prof. Stephen D. Krasner als neuen Mercator Fellow im Haus begrüßen.

Stephen D. Krasner ist Professor für Internationale Beziehungen an der Stanford University in Kalifornien, USA. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen u.a. internationale Regime und Staatenbildung.

Am Sonderforschungsbereich arbeitet er u.a. zum Governance-Beitrag externer Governance-Akteure und unterstützt die Wissenschaftler/innen der Teilprojekte mit seiner Erfahrung in diesem Bereich. Dafür wird er sich bis Ende 2017, regelmäßig über längere Zeiträume hinweg, am SFB 700 aufhalten und unsere Expertise erweitern.

Der SFB 700 auf der 56. Annual Convention der ISA

Gemeinsamer Empfang von SFB 700 und KFG auf der ISA 2015

Gemeinsamer Empfang von SFB 700 und KFG auf der ISA 2015

Auch 2015 nahm der Sonderforschungsbereich 700 wieder an der Annual Convention der International Studies Association (ISA) teil, welche dieses Jahr in die 56. Runde ging und in New Orleans, USA stattfand.

Die ISA hielt vom 18.02. bis 21.02.2015 unter dem Motto: Global IR and Regional Worlds - A New Agenda for International Studies ihre Jahrestagung ab.

Der SFB 700 präsentierte sich wie schon in der Vergangenheit mit einer Vielzahl von Veranstaltungen sehr erfolgreich auf der Konferenz. Der Sonderforschungsbereich war insbesondere mit einer Posterausstellung, zahlreichen Panelauftritten sowie mit einem Buch- und Informationsstand vertreten. Höhepunkt war jedoch ein gemeinsam mit der Kolleg-Forschergruppe (KFG) „The Transformative Power of Europe“ ausgerichteter Empfang für alle interessierten Gäste und Expert/innen, sowie Freundinnen und Freunde beider Institutionen. Über 350 Gäste kamen zu unserem Empfang und nutzen im Anschluss an die Grußworte des SFB-Sprechers Thomas Risse und der KFG-Ko-Direktorin Tanja A. Börzel die Gelegenheit, sich mit Wissenschaftler/innen der Teilprojekte auszutauschen und sich über die Arbeit des SFB zu informieren.

Im Laufe der vier Konferenztage präsentierten sich die Wissenschaftler/innen des SFB in acht verschiedenen Panels sowie drei „Runden Tischen“ und stellten Forschungsergebnisse aus den Teilprojekten vor. Im Rahmen der Paneldiskussionen wurden insgesamt 10 Papiere der Mitarbeiter/innen des SFB vorgestellt, die u.a. Themen wie die Legitimität staatlicher und nicht-staatlicher Governance oder den Governance-Transfer durch regionale Organisationen behandelten.

Der SFB 700 bedankt sich bei allen Konferenzteilnehmer/innen für die gelungene ISA 2015 und das Interesse an unserer Arbeit!

Transferprojekt T3 veranstaltet Seminar für Nachwuchskräfte der deutschen Außenpolitik und einen Workshop zur Sicherheitssektorreform (SSR)

SSR Workshop im SFB 700

SSR Workshop im SFB 700

Das Transferprojekt T3, welches sich mit Policy-Implikationen der Governance-Forschung für die deutsche Außenpolitik befasst, richtete zwei große Veranstaltungen im März und April des Jahres 2015 aus. Vom 9. – 11. März organisierte das Teilprojekt ein ressortübergreifendes Seminar mit dem Titel: „Zwischen Stabilisierung und State-building: Ressortübergreifendes Engagement in fragilen Staaten“ in den Räumen der Akademie Auswärtiger Dienst. Es nahmen ca. 60 Nachwuchskräfte aus dem Auswärtigen Amt und anderen Ressorts teil. Das Seminar stellt einen Teil der Kooperation zwischen SFB 700 und dem Auswärtigen Amt dar und basierte auf dem Ansatz, die Teilnehmenden anhand der Ergebnisse aus der Grundlagenforschung des SFB 700 zu befähigen, alternative Handlungsstrategien im Umgang mit fragiler Staatlichkeit zu entwerfen.

Am 22. April richtete das Transferprojekt zudem einen Workshop zum Thema „Deutschlands SSR-Ansatz auf dem Prüfstand“ in den Räumen des Sonderforschungsbereichs 700 aus. Die Teilnehmer/innen aus Zivilgesellschaft, Forschung und Praxis diskutierten den Handlungsrahmen deutschen Engagements und Potentiale für die Weiterentwicklung von SSR im deutschen Kontext. Das Programm umfasste Vorträge und Panel-Diskussionen zum strategischen Rahmen und zur aktuellen Praxis sowie eine Diskussion zur Diskrepanz zwischen Theorie und Umsetzung von SSR in Arbeitsgruppen. Die Veranstaltung diente als Vorbereitung auf die internationale SSR-Konferenz, die das Auswärtige Amt mit Beteiligung des SFB 700 am 04. Mai ausgerichtet hat.

Internationaler Workshop des SFB 700 und dem AidData Project zu Entwicklungshilfe, effektiver und legitimer Governance

Workshop des  SFB 700 und des AidData Projekts

Workshop des SFB 700 und des AidData Projekts

Am 11.02.2015 veranstaltete der SFB 700 zusammen mit dem AidData Project einen Workshop zum Thema „Foreign Aid, Effective and Legitimate Governance in Areas of Limited Statehood” in Berlin. 20 Wissenschaftler/innen aus den Teilprojekten des SFB 700 und dem internationalen Netzwerk des AidData Projects kamen für einen Tag zusammen um sich über ihre Forschung zu Legitimität und Effektivität von Programmen zur Entwicklungshilfe im Kontext begrenzter Staatlichkeit auszutauschen. Nach kurzen Input-Vorträgen der Teilnehmenden u.a. von Michael J. Tierney (College of William and Mary), Helen Milner (Princeton University) und Audrey Sacks (Weltbank) kam es zu produktiven gemeinsamen Diskussionen über die vorgestellten Arbeiten. Um die komplexe Frage des Zusammenhangs zwischen Entwicklungshilfe und Governance zu diskutieren, wurden empirische Forschungsbeiträge aus Regionen wie z.B. Indien, Uganda und Afghanistan aufgeführt. Am Ende des Workshops kamen die Teilnehmenden zu dem Ergebnis, dass die Auswirkungen von Entwicklungshilfe auf effektive und legitime Governance nicht eindeutig und abschließend geklärt werden können. Die empirischen Ergebnisse deuten teilweise auf einen positiven Effekt der Entwicklungshilfe hin, teilweise auf einen negativen. Die Rolle lokaler Charakteristika für die Entwicklungshilfe wurde von den Teilnehmenden einhellig unterstrichen. Daher bedarf es weiterer Forschungsprojekte die zu diesem Thema, die insbesondere regionale sowie lokale Kontexte stärker berücksichtigen.

Panel-Diskussion im Auswärtigen Amt – Deutsche und Amerikanische Perspektiven auf Fragile Staaten

Panel-Diskussion im Auswärtigen Amt zum Umgang mit fragilen Staaten

Panel-Diskussion im Auswärtigen Amt zum Umgang mit fragilen Staaten

Zum Umgang mit fragilen Staaten organisierte der SFB im Rahmen des Transferprojektes T3 in Kooperation mit dem Auswärtigen Amt am 22.06.2015 eine spannende Panel Diskussion mit Experten/innen aus Wissenschaft und Politik. Die Veranstaltung stand im Zeichen der Deutsch-Amerikanischen Beziehungen und setzte sich unter dem Titel “How to Deal with fragile states? Perspectives from the USA and Germany” mit der Verantwortung der beiden Staaten in Bezug auf fragile Staaten, Konflikte und Sicherheit auseinander. Das Auswärtige Amt war vertreten durch den Leiter des Planungsstabs, Thomas Bagger und die Beauftragte für Zivile Krisenprävention, Humanitäre Hilfe und Internationale Terrorismusbekämpfung, Ina Lepel. Für den US-amerikanischen Blickwinkel war Andrew Loomis, Senior Adviser des U.S. Department of State zu Gast. Die wissenschaftliche Perspektive wurde von Prof. Thomas Risse, Sprecher des SFB 700 sowie Prof. Stephen D. Krasner, von der Stanford University/USA und derzeit Mercator Fellow am SFB vertreten. Das Panel moderierte Gregor Walter-Drop, als Projektleiter des Transferprojektes T3. Die Diskussion fand im Lesehof des Auswärtigen Amts statt und gliederte sich in eine Input-Runde der Experten/innen und eine anschließende Diskussion, die Raum für weitere Fragen aus dem Publikum zuließ. In der offenen Diskussion kamen grundlegende Fragen zu transatlantischen Unterschieden bezüglich des Umgangs mit fragilen Staaten und deren Auswirkung auf zukünftige Kooperationen und Partnerschaften auf. Darüber hinaus wurde diskutiert, ob generelle „lessons learned“ aus der bisherigen Arbeit mit fragilen Staaten und dem Umgang mit Konflikten gezogen werden könnten. Abschließend bemerkten die Experten/innen, dass ein Fokus auf bi- und multilaterale Partnerschaften, local ownership und die Integration bzw. Weiterentwicklung länderspezifischer Expertise essentiell für den Umgang mit fragilen Staaten sind. Die Veranstaltung war mit ca. 100 Besucher/innen sehr gut besucht und wurde begleitet von einem Informations- und Bücherstand des SFB 700.

Sicherheitsforschung von der Veranda eines Safarihotels - Feldforschungsbericht aus der Zentralafrikanischen Republik

Tim Glawion spricht mit Händlern in Bangassou, Zentralafrikanische Republik

Tim Glawion spricht mit Händlern in Bangassou, Zentralafrikanische Republik

„Wir müssen stark sein und uns durchsetzen!“ sagt der schmächtige Mann und spannt die Arme an bis die Muskeln hervortreten, „nur so kriegen wir unser Land wieder in den Griff“.

Vor ihm auf dem Tisch stehen Stempel und ein kleiner Wimpel der Zentralafrikanischen Republik. Feyomona ist der Gouverneur von Bangassou, einer Kleinstadt im Süden. Er trägt Sandalen und ein „Tag der Frauen“ Hemd. Auf der Veranda eines alten, zerfallenden Safarihotels hat er seinen Schreibtisch eingerichtet. Erst überfielen Séléka Rebellen das ursprüngliche Gouverneursbüro und stahlen Elektronik und Geld. Dann kamen Diebe und lösten selbst das Blech des Daches, um es auf dem Markt zu verkaufen. Feyomona war zu der Zeit im Kongo auf der Flucht.

Nun sitzt er auf einem Korbstuhl, vor ihm wir, Lotje de Vries und Tim Glawion, die mit einer Frage im Gepäck aus Deutschland anreisten: Wie kann unter diesen Bedingungen Sicherheit wieder hergestellt werden? Der Gouverneur Feyomona spricht über regionale Entwicklungspläne, an denen er selbst mitgearbeitet hat und bezieht sich auf Kant und Rousseau in seinen Schilderungen. Er ist überzeugt von seinem Staat. Doch der ist schwach: Die Sicherheit in der Stadt Bangassou liegt nicht in der Hand der drei staatlichen Gendarme sondern bei den 100 UN Soldaten. Die öffentlichen Schulen sind völlig verfallen, nur die katholische Kirche betreibt hier eine landesweit bekannte Privatschule. Und der Gouverneur selbst besitzt nicht mehr als seinen Schreibtisch – keinen Mitarbeiter, kein Auto, nicht einmal ein Fahrrad. Und ein Budget hat er auch nicht.

Die Lage in den anderen Orten, welche Lotje und ich besuchten, ist noch kritischer: In Paoua im Norden des Landes sind zwei Polizisten und drei Gendarme für die Sicherheit von 240.000 Menschen in der Region zuständig. Sie sind völlig überfordert. 150 UN Soldaten sichern die Ordnung – zumindest bis zum Stadtrand. Das Umland wird von Banditen und Rebellen beherrscht. In Obo, in der südöstlichen Ecke des Landes, trauen sich die Menschen nicht aus ihrem Dorf. Alle paar Monate verübt die ugandische Lord’s Resistance Army hier Gräueltaten, trotz der 4000 ugandischen Soldaten und der 150 amerikanischen Unterstützer. Eine weitaus größere Gefahr stellen mittlerweile jedoch schwerbewaffnete Wilderer und Milizen ehemaliger Rebellen aus der eigenen Region dar.

Das Land ist geprägt von Hunderten marodierender Banden, die Dutzende von Städten von der Außenwelt abgeschnitten haben. Einzig die Flugzeuge der UN und deren bewaffnete Güterkonvois erreichen noch die isolierten Städte. Viel tiefgreifender jedoch ist die Spaltung in der Gesellschaft: Misstrauen untergräbt das Zusammenleben konfessioneller, ethnischer und ökonomischer Gruppen. Unter diesen Bedingungen alternative Möglichkeiten der Sicherheitsproduktion zu finden ist eine Mammutaufgabe. Derzeitige Sicherheitsanalysen beschränken sich häufig auf internationale Möglichkeiten der Intervention, oder nationalstaatlich angeleitete Reformprozesse. Im Projekt C10 des SFB 700s untersuchen wir Entwicklungen in den Peripherien der Zentralafrikanischen Republik im Vergleich mit entlegenen Gegenden des Südsudan. Auf diese Weise wollen wir alternative Möglichkeiten der Sicherheitsbereitstellung erforschen und aufzuzeigen.

Über den Autor:

Tim Glawion ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am SFB 700 und beim German Institute of Global and Area Studies (GIGA) und untersucht im Teilprojekt C10 die Sicherheitsproduktion in Räumen mit begrenzter Staatlichkeit im Südsudan, der Zentralafrikanischen Republik und Somaliland.

Archive als Felder – Feldforschung in Tianjin und Qingdao, Volksrepublik China

Als historisches Projekt, welches sich mit Adaption und Legitimation als Erklärungsfaktoren effektiver Governance in den ersten acht Jahren nach der Gründung der Volksrepublik China (1949-1957) beschäftigt, sind wir für unsere Forschung auf Dokumente angewiesen. Anders als Politik- und Sozialwissenschaftler/innen, die Wissen im direkten Gespräch abfragen können, bleibt uns der Zugang dazu lediglich über Aufzeichnungen und Notizen. Die Spuren der Expert/innen damaliger Institutionen werden somit zu unseren Feldern; unsere Feldforschung dementsprechend zu einer Reise in die Archive.

Diese traten im August 2014 die beiden wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen Vanessa Bozzay und Suy Lan Hopmann sowie unsere wissenschaftlichen Assistentinnen Yuzhu Zhang und Vivien Chen an. Ziel waren die Stadtarchive der beiden chinesischen Städte Tianjin und Qingdao: erstere eine Hafenstadt 150 km südwestlich von Beijing, letztere eine ehemalige deutsche Kolonie und Küstenstadt im Norden Chinas. Im Mittelpunkt standen eine erste Einschätzung zur aktuellen Lage in den Archiven und das Prüfen der Verfügbarkeit und des Zugangs relevanter Dokumente. Inhaltlich beschäftigten wir uns mit dem institutionellen Aufbau lokaler, administrativer Strukturen und den Maßnahmen, die diesen Prozess auf der kognitiven und emotionalen, aber auch der konkreten handlungstechnischen Ebene initiierten und begleiteten. Als Indikatoren dienten hierbei sowohl Institutionen des Propaganda- und Bildungsapparates als auch politische Kampagnen, die als politisches Instrument vor allen Dingen unter dem Parteivorsitzenden Mao Zedong eine herausragende Rolle spielten.

Die Lage vor Ort gestaltete sich jedoch schwieriger als erwartet. Hatten chinesische Archive in den letzten Jahren einen Öffnungsprozess erfahren, der vielen Historiker/innen neue Einblicke und Zugänge zur neueren chinesischen Geschichte, vor allem seit 1949, ermöglicht hatte, so ließen sich im letzten Jahr wieder rückläufige Tendenzen beobachten. Die bereits in der letzten Phase genutzten Stadtarchive Tianjins und Qingdaos stellten im Vergleich zu 2013 weitaus weniger Material zur Ansicht zur Verfügung, auch war das Kopieren vorhandener Berichte und Dokumente nicht mehr möglich. Darüber hinaus erfuhren wir von einer Klassifizierung des Materials, welches den Zugang von Personal, Personen mit chinesischer Staatsangehörigkeit und Personen anderer Staatsangehörigkeiten unterschiedlich regelte. Der Eindruck, dass sich die Zugangsregelungen zu chinesischen Archiven in den nächsten Jahren weiter verschärfen werden, bestätigte sich bei der Lektüre von Blogeinträgen und Konferenzberichten weiterer Chinaforschender und in persönlichen Gesprächen vor Ort.

Mit der Hilfe unserer chinesischen Assistentinnen und über einige persönliche Kontakte war es uns letzten Endes jedoch trotzdem möglich, einiges Material zusammenzutragen, welches wir aktuell bearbeiten und einer ersten Durchsicht unterziehen. Die Ergebnisse bilden die Grundlage für eine weitere Reise im Juli und August diesen Jahres.

Über die Autorin:

Suy Lan Hopmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Teilprojekt B13. Dort untersucht sie, wie es der Kommunistischen Partei Chinas zw. 1949 und 1957 unter Bedingungen begrenzter Staatlichkeit gelang, ihre Herrschaft zu konsolidieren.

Die Politik des Staatsaufbaus und der Sicherheitssektorreform in Côte d'Ivoire und im Libanon

Das Regionalbüro der UNOCI in Korhogo, Côte d'Ivoire

Das Regionalbüro der UNOCI in Korhogo, Côte d'Ivoire

Ein Schild am berühmten Hotel „St. George“ in Beirut, das gegen das Wiederaufbauprojekt Beiruts nach dem Krieg und gegen die Firma protestiert, die es durchführt – beide bekannt unter dem Namen „Solidere“

Ein Schild am berühmten Hotel „St. George“ in Beirut, das gegen das Wiederaufbauprojekt Beiruts nach dem Krieg und gegen die Firma protestiert, die es durchführt – beide bekannt unter dem Namen „Solidere“

Im SFB-Teilprojekt C6 untersuchen wir die komplexen Interaktionen zwischen internationalen und lokalen Akteuren, und analysieren, wie sich innerstaatliche Machtbeziehungen und Politik in Folge von internationalen Bemühungen um den Aufbau von Staatlichkeit verändern. Gegenwärtig konzentrieren wir uns dabei auf die Fallstudien Côte d'Ivoire und Libanon. Im Zentrum unserer Forschung steht das internationale Engagement im Sicherheitssektor und bei der Reformierung nationaler politischer Institutionen. Beide Länder sind durch eine fragile politische Ordnung, gesellschaftspolitische Spaltungen und eine langjährige Präsenz externer Akteure wie den UN, der EU sowie einzelner Staaten gekennzeichnet.

Zu Beginn des Jahres 2015 sind die wissenschaftlichen Mitarbeiter Tilmann Scherf und Sina Birkholz für ihre Feldforschung in die Côte d'Ivoire bzw. in den Libanon gereist, um das Feld internationaler Staatsaufbauhilfe in den jeweiligen Ländern abzustecken. Vor Ort führten beide qualitative Interviews mit jeweils mehr als 30 aus- und inländischen Experten durch. Darunter befanden sich Vertreter der UN-Institutionen, der EU und ausländischer Botschaften sowie Repräsentanten nationaler Ministerien und Sicherheitskräfte und schließlich Experten aus Zivilgesellschaft und Wissenschaft.

Côte d’Ivoire

Obwohl die Côte d'Ivoire seit vielen Jahren als Musterland für politische und wirtschaftliche Stabilität in Westafrika galt, kam es seit Beginn des Bürgerkrieges im Jahr 2002 zu kontinuierlichen Gewaltakten. Der fast ein Jahrzehnt andauernde Konflikt hinterließ das Land gespalten entlang ethnischer und identitärer Linien, einerseits in den von Rebellen der „Forces Nouvelles“ besetzten Norden, und andererseits in den vom Staat kontrollierten Süden des Landes. Nach den umstrittenen Wahlen im Jahr 2010 brachen erneut schwere Kämpfe aus, die zur Absetzung von Präsident Laurent Gbagbo führten. Letztlich wurden die Kämpfe 2011 durch die Bildung einer neuen von Präsident Alassane Ouattara angeführten Regierung beendet. Die Operation der Vereinten Nationen in Côte d'Ivoire (UNOCI) ist seit ihrer Gründung im Jahr 2004 beauftragt, den fragilen Frieden zu überwachen und die neue ivorische Regierung bei der Durchführung ihrer nationalen Sicherheits-Sektor-Reform (SSR) und bei der Entwaffnung, Demobilisierung und Reintegration ehemaliger Rebellenkämpfer (DDR) zu unterstützen. Die Arbeit von UNOCI wird durch weitere internationale Organisationen (u.a. UNDP, GIZ, USAID) unterstützt, die extern finanzierte Projekte in der Côte d’Ivoire, vor allem im Bereich der Polizeireform, DDR und des Aufbaus demokratischer Institutionen, durchführen.

Tilmanns Forschungsarbeit hat von den praktischen Erfahrungen und dem täglichen Austausch mit einer Vielzahl von Akteuren in Côte d’Ivoire umfassend profitiert. Viele Gesprächspartner waren der Ansicht, dass die Präsenz der internationalen Gemeinschaft eine insgesamt positive Wirkung auf die allgemeine Sicherheitslage im Land ausübt. Dennoch bleibt der Frieden fragil, da die Ouattara-Regierung stark auf die beruhigende Wirkung der Präsenz der internationalen Gemeinschaft und deren Bemühungen um Stabilität angewiesen ist. Anhänger des „alten Regimes" werfen der neuen Regierung vermeintliche „Siegerjustiz" vor. Ein weiteres Sicherheitsproblem bleibt die Ungewissheit über den Status der ehemaligen Rebellenkämpfer, denen eine sukzessive Reintegration in die republikanischen Sicherheitskräfte versprochen worden ist. Diesen Druck von beiden Seiten auszugleichen, wird im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen im Oktober 2015 für die Ouattara-Regierung eine Gratwanderung bleiben.

Tilmann hat unter anderem an einem akademischen Workshop an der Université de Bouaké sowie an einer einwöchigen UN-Feldmission in den Norden der Côte d’Ivoire teilgenommen.

Libanon

In diesem Jahr gedachte die Bevölkerung Libanons dem Beginn des Bürgerkrieges vor 40 Jahren. Der 15 Jahre andauernde Konflikt war geprägt durch eine Abfolge sehr unterschiedlicher Phasen und Konfliktkonstellationen, und wurde (zumindest offiziell) mit dem Abkommen von Taif 1989 beendet. Das Abkommen definierte die Grundlagen der politischen Nachkriegsordnung – dies schloss die Sanktionierung der syrischen „Vormundschaft“ über den Libanon ein, was de facto gleichbedeutend war mit der syrischen Kontrolle über die libanesische Politik und den Sicherheitsapparat. Die Ermordung des früheren Premierministers Rafiq Hariri und die darauffolgende „Zedernrevolution“ im Jahr 2005 führten zum Abzug der syrischen Streitkräfte und weckte – vor allem im Ausland – die Hoffnung auf einen Neuanfang. Anstatt jedoch einen nationalen Konsens über Identität und Zukunft des Libanons hervorzubringen, waren die letzten 10 Jahre geprägt von politischem Stillstand, wiederkehrender Gewalt und einer Vertiefung von Klassen- und Konfessionsgegensätzen. Gleichzeitig bewiesen das politische System und das Land als Ganzes eine überraschende Widerstandsfähigkeit.

Die jüngste Prüfung der Stabilität Libanons stellen die regionalen Umbrüche seit 2011 und insbesondere der Bürgerkrieg in Syrien dar. Letzterer macht sich bemerkbar vor allem durch die mehr als eine Million Geflüchteten, die bereits im Libanon Schutz suchten, und weiterhin durch vermehrte Anschläge und Kampfhandlungen vor allem im Norden des Landes. Seit dem Ende des Bürgerkriegs haben die UN, die USA, die EU und ihre Mitgliedsstaaten auf die genannten Wendepunkte wiederholt mit einer Ausweitung ihrer Unterstützung des Institutionenaufbaus im Libanon reagiert. Seit etwa 2005/2006 geht ein großer Teil dieser externen Hilfe an die staatlichen Sicherheitskräfte.

Die Feldforschung von Sina zielte darauf ab, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, welche Schwerpunkte externe Akteure im Bereich der Governance- und der Sicherheitssektorreform setzen, und mit welchen Projekten und Methoden sie versuchen ihre Ziele zu erreichen. Durch Gespräche mit Vertretern der Geldgeber und –empfänger sowie externen und libanesischen Experten versuchte sie, ein Verständnis für die gegenseitigen Wahrnehmungen zu erlangen, die Praktiken der Zusammenarbeit und der Konkurrenz zu verstehen, und sich kritisch mit den Narrativen auseinanderzusetzen, die im Bereich Sicherheitssektor- und Governance-Reform entstehen.

Während ihres Forschungsaufenthalts hat Sina sehr von ihrer Anbindung an das Orient Institut Beirut (OIB) profitiert. Als Gastwissenschaftlerin standen ihr die Forschungskolloquien sowie die Bibliothek des OIB offen. Der Austausch mit den Wissenschaftlern des Instituts hat so einen wichtigen Beitrag zu Sinas Forschung geleistet.

Beide Forschungsreisen haben wichtige Ergebnisse für die Forschungsagenda des Teilprojekts C6 geliefert. In den zwei untersuchten Ländern werden die Praktiken und Ergebnisse des internationalen Engagements zum Staatsaufbau stark von den jeweiligen Staat-Gesellschafts-Beziehungen geformt, welche von neopatrimonialen (Côte d’Ivoire) und konfessionellen (Libanon) Einflüssen geprägt sind. Besondere Formen der Patron-Klient-Beziehungen waren entscheidend für die Strukturierung der Resultate internationaler Staatsaufbauprozesse – Resultate, die bestenfalls als „gemischt“ bezeichnet werden können. In einigen Fällen konnten wir beobachten, dass die internationale Hilfe unfreiwillig zur Stärkung und „Transnationalisierung“ lokaler Dynamiken der Bevorzugung und Patron-Klient-Beziehungen geführt hat. Diese Erkenntnisse haben der C6-Agenda wichtige Impulse für die zukünftige Projektforschung geliefert.

 

Über die Autor/Innen:

Sina Birkholz und Tilmann Scherf sind wissenschaftliche Mitarbeiter/Innen im Teilprojekt C6. Im Rahmen des Forschungsprojekts befassen sie sich mit der Rolle internationaler Akteure bei der Reformierung des Sicherheitssektors und dem (Wieder-)Aufbau nationaler politischer Institutionen in Räumen begrenzter Staatlichkeit in den Regionen Naher Osten und Westafrika.


Neuerscheinungen aus dem SFB 700

Monographien und Sammelbände

  Babayan, Nelli/Risse, Thomas (Hrsg.) 2015: Special Issue: Democracy Promotion and the Challenges of Illiberal Regional Powers, in: Democratization, Februar 2015, 22:4.
Börzel, Tanja A./van Hüllen, Vera (Hrsg.) 2015: Governance Transfer by Regional Organizations: Patching Together a Global Script, Palgrave Macmillan.
Kötter, Matthias/Röder, Tilmann J./Schuppert, Gunnar F./Wolfrum, Rüdiger (Hrsg.) 2015: Non-State Justice Institutions and the Law: Decision-Making at the Interface of Tradition, Religion and the State, Palgrave Macmillan.
   

Krieger, Heike (Hrsg.) 2015: Inducing Compliance with International Humanitarian Law - Lessons from the African Great Lakes Region, Cambridge University Press (erscheint im August 2015).

 

Schmelzle, Cord 2015: Politische Legitimität und zerfallene Staatlichkeit, Campus. (erscheint im August 2015)

  Schuppert, Gunnar Folke 2015: Wege in die moderne Welt: Globalisierung von Staatlichkeit als Kommunikationsgeschichte (Staatlichkeit im Wandel), Campus Verlag.
  Schüren, Verena 2015: Aufholende Entwicklung in der globalen Ökonomie -- Pharmazeutische Innovationssysteme in Indien und Brasilien. Nomos Verlag
 

Hölck, Lasse 2014: Kampf um Vertrauen. Die Comcáac von Sonora (Mexiko) unter kolonialer und republikanischer Herrschaft, 1650- 1850. Stuttgart: Hans-Dieter Heinz. Akademischer Verlag 2014.

SFB Working Paper Series

Börzel, Tanja A./Risse, Thomas 2015: “Dysfunctional Institutions, Social Trust, and Governance in Areas of Limited Statehood”, Juli 2015

Ickler, Christian 2014: “Limits of Control – Challenges to Spatiotemporal Analysis of Sub-state War”, November 2014

Lee, Melissa/Walter-Drop, Gregor/ Wiesel, John 2015: „The Pillars of Governance. A Macro-Quantitative Analysis of Governance Performance” (erscheint im August 2015)

Impressum

Kontakt

Freie Universität Berlin
Sonderforschungbereich (SFB) 700
Alfried-Krupp-Haus Berlin
Binger Str. 40
14197 Berlin
Germany

Tel.: +49-30-838 58502
Fax: +49-30-838 58540
E-Mail: sfb700@fu-berlin.de

Web: www.sfb-governance.de
Redaktion: Eric Stollenwerk/Alexandra Konzack

Leitung des SFB 700

Sprecher: Prof. Dr. Thomas Risse
Sprecher: Prof. Dr. Stefan Rinke
Wiss. Geschäftsführer: Eric Stollenwerk, M.A.

Forschungsprogramm des SFB 700

Governance ist zu einem zentralen Thema sozialwissenschaftlicher Forschung geworden. Der SFB 700 fragt nach den Bedingungen von Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit, d.h. in Entwicklungs und Transformationsländern, zerfallen(d)en Staaten in den Krisenregionen der Welt oder, in historischer Perspektive, verschiedenen Kolonialtypen.

Die Hauptforschungsfragen des SFB 700 sind:
Unter welchen Bedingungen entsteht effektives und legitimes Regieren in Räumen begrenzter Staatlichkeit?
Welche Probleme gehen damit einher?
Welche Auswirkungen kann eine so verstandene Governance auf nationale und internationale Politik haben?

Der SFB 700, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), hat seine Arbeit 2006 aufgenommen.
 

Partnerorganisationen des SFB 700