Projektbeschreibung

Das Projekt untersucht die Entwicklung von Institutionen und Formen legitimen Regierens im Umgang mit inländischen Flüchtlings- und Migrationsbewegungen in den beiden nordchinesischen Städten Tianjin und Qingdao unter den Bedingungen des Übergangs von der Republik China zur sozialistischen Volksrepublik in den Jahren zwischen 1945 und 1957. Nach 1949 gelang es dem neu gegründeten sozialistischen Staat relativ schnell, mithilfe neuer Methoden und Technologien wie Haushaltsregistern, politischen Kampagnen und staatlichen Hilfeleistungen die auf den Zweiten Weltkrieg zurückzuführende Flüchtlingskrise zu lösen, jedoch möglicherweise zum Preis hoher politischer Anfälligkeit und Zentralisierung. Der grundlegende Wandel von Governance-Institutionen wird im Teilprojekt anhand spezifischer Institutionen zur Katastrophenhilfe, Versorgung und Kontrolle der Flüchtlinge verfolgt und analysiert.

Exemplarisch untersuchen wir die relevanten Institutionen in zwei Städten in Nordchina. Der Ansatz eines mikrohistorisch fundierten Vergleichs unterschiedlicher urbaner Räume trägt der Tatsache Rechnung, dass breite generalisierende Untersuchungen für den sozial und politisch äußerst komplexen Umgestaltungsprozess der Jahre um 1949 zum gegenwärtigen Zeitpunkt weder realisierbar noch sinnvoll sind. Die ausgewählten Fallbeispiele stehen prototypisch für städtische Räume im Untersuchungszeitraum und weisen wichtige strukturelle Gemeinsamkeiten (politische Prozesse, Präsenz bzw. Aufbau staatlicher Institutionen) auf. Der Vergleich der beiden Fallstudien eröffnet aber auch die Möglichkeit einer stärkeren Binnendifferenzierung hinsichtlich sozialer, ökonomischer und administrativer Varianzen, die wir gerade in der unterschiedlichen kolonialen Vorgeschichte der beiden Städte verorten. Während es sich bei Tianjin um eine „Halbkolonie“ handelt, in der zeitweise bis zu neun ausländische Mächte Konzessionsgebiete besaßen und verwalteten, stellt Qingdao im Wesentlichen eine klassische Kolonie dar, die seit 1898 erst durch das Deutsche Reich, und (nach kurzer chinesischer Verwaltung) dann durch Japan kontrolliert wurde. Somit handelt es sich bei Tianjin und Qingdao um Räume begrenzter Staatlichkeit (verursacht durch koloniale Vorherrschaft sowie Krieg und Bürgerkrieg) bei – nach 1949 – gleichartiger Entwicklung, nämlich der Errichtung eines sozialistischen Systems konsolidierter Staatlichkeit mit spezifischen Wohlfahrts-, Sicherheits- und Herrschaftsinstitutionen.

Ziel des Projekts ist es somit erstens, die unterschiedlichen Ausgangslagen und ihre Wirkung auf die sich entwickelnden Governance-Institutionen und Modi, die sie charakterisierenden Herrschaftsmechanismen sowie die zum Einsatz kommenden Steuerungsinstrumente zu analysieren. Zweitens fragen wir danach, welchen Einfluss die Effektivität der zur Behebung der Flüchtlingskrisen erbrachten Leistungen auf die Legitimität verschiedener Akteure und auf die Konsolidierung von Staatlichkeit, insbesondere nach 1949, hatte. Drittens verfolgt das Projekt das Ziel, Aneignungs- und Abwehrprozesse in Übergangsgesellschaften mit transitorischen Governance-Konstellationen zu erforschen. Die Fallstudien erlauben die Unterscheidung von mindestens drei Transfers von Governance-Formen. Erstens: Der Transfer von Traditionen lokaler Herrschaft, wie sie die späte Kaiserzeit (bis 1911) geprägt und in der Republikzeit (1912-1949) fortgewirkt hatten; wesentlich waren hier staatliche Appelle an lokale und nationale Akteure bei minimalem direktem staatlichen Engagement und einer zunehmenden Selbstorganisation sektorial und geographisch definierter Gruppen. Zweitens: Der Transfer kolonialstaatlicher, insbesondere deutscher und japanischer Governance-Strukturen, die eine starke interventionistische Komponente mit sich brachten. Drittens: Der Transfer sozialistischer, am Modell der Sowjetunion ausgerichteter bürokratischer und zentralisierter Institutionen, der landesweit spätestens 1949 in Angriff genommen wurde und der Volksrepublik zu einer bis dahin kaum gekannten gesellschaftlichen Homogenität verhalf.

 

Stand der Forschungund eigene Vorarbeiten

Der Forschungstand ist für uns in folgenden Aspekten wichtig: 1. Forschungen zur Frage legitimen Regierens in den ersten Jahren der VR China, 2. Studien zur Flüchtlingskrise in den 40er Jahren und 3. Arbeiten zur Geschichte der als Fallstudien ausgewählten Städte.

Die Erforschung von Governance im China der Gegenwart hat in den letzten Jahren zunehmend Beachtung gefunden, insbesondere bei Themen zur Zivilgesellschaft in China und zur Rolle von NGOs (Howell 2004). Auf dem Gebiet der Geschichte ist die Forschungslage dagegen weniger umfangreich; einzig der Sammelband von Heilmann/Perry (2011) wäre hier zu nennen. Es kommt erschwerend hinzu, dass die ersten Jahre des sozialistischen Systems in China generell bislang unzureichend erforscht wurden. Es fehlt nach wie vor eine kritische Masse an empirisch dichten lokalen Studien, die Einblick geben in den konkreten Aufbau des Sozialismus in China nach 1949 (Strauss 2006). Dies gilt nicht nur allgemein für die historische Untersuchung von Governance-Institutionen, sondern auch für das konkrete Beispiel der Flüchtlingsströme.

Die für das Thema Governance relevante Forschung für die Zeit nach 1949 stand lange Zeit unter dem Einfluss des Tolitarismus-Paradigmas. So wurde betont, dass in den 50er Jahren eine diktatorische Form von Herrschaft in alle sozialen Verhältnisse hinein zu wirken strebte, verbunden mit dem Anspruch, einen „neuen Menschen“ und eine neue Gesellschaft und Kultur zu formen. Das totalitäre System, so die gängige Auffassung, mobilisierte die Bevölkerung und forderte eine äußerst aktive Beteiligung am Staatsleben (Barnett 1964). Allmächtige Institutionen wurden geschaffen, die die totalen Herrschaftsansprüche durchzusetzen versuchten. Solche Positionen sind auch in der neueren Forschung noch gelegentlich anzutreffen (Dikötter 2010).

Die Kritik, die gegen den Totalitarismus-Ansatz im Allgemeinen vorgebracht werden kann, ist bekannt und muss hier nicht im Einzelnen wiederholt werden. Das Totalitarismus-Konzept erfasst nicht die Ziele und Inhalte politischer Systeme sowie die Motivation politisch Handelnder, sondern lediglich die äußeren Formen wie Unterdrückung und Verfolgung politischer oder anderer Gruppen. Es lässt auch keinen Raum für ein Erkennen der verschiedenen Möglichkeiten innerhalb des Systems zu agieren oder die Strukturen zu verändern. Solche differenzierteren Argumente finden sich etwa in der Untersuchung von Kenneth Lieberthal (1980) zur Machtübernahme in Tianjin. Er gelangt in seiner Studie der Jahre 1949 bis 1952 zu dem Ergebnis, die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) habe in den ersten Jahren ihrer Machtentfaltung in den Städten – anders als auf dem Land - einen moderaten Kurs verfolgt, der darauf abzielte, die wirtschaftliche Produktion nach dem Bürgerkrieg wieder anzukurbeln und die gesellschaftliche Stabilität zu wahren bzw. wiederherzustellen. Deshalb beließ die KPCh viele Beamte aus der Zeit der Guomindang (der aus der Revolution von 1911 hervor gegangenen Partei, kurz GMD) in ihren Ämtern, verstaatlichte nur ganz wenige Schlüsselbetriebe, wirkte mäßigend auf die Forderungen von Arbeitern ein und forderte gerade die wohlhabenden Unternehmer zum Bleiben und zur Zusammenarbeit auf. Daran anknüpfend analysiert Robert Weatherley (2006) die Legitimations-Strategien der KPCh sowie deren empirische Legitimität chronologisch von den Anfängen der Partei bis hinein in die gegenwärtige Ära Hu Jintaos. Weatherlys Stärke liegt in der parallelen Verwendung mehrerer Theorien von Legitimität, die neben der Weber’schen Trias auch die „mobilization mode of legitimacy“ (als der maoistischen Version von Input-Legitimität), „ideological legitimacy“ und „performance based legitimacy“ (Output-Legitimität) umfasst. Durch diesen Zugriff gelingt es Weatherley sehr überzeugend, die ganz unterschiedlichen Grundsteine der Herrschaft der chinesischen KP herauszuarbeiten, vom Charisma Mao Zedongs und der Gleichschaltung der Presse und vor allem des Rundfunks über die direkte Beteiligung von Bauern und Arbeitern an politischen Kampagnen und spürbaren Verbesserungen des Lebensstandards bis hin zu nationalistischen Argumenten und gar Elementen traditioneller Herrschaft. Wie die meisten Untersuchungen bezieht sich Weatherley allerdings ausschließlich auf die Makroebene nationaler Politik. Sein Fokus liegt auf den Mitgliedern des Politbüros und der obersten Parteigremien. Das vorliegende Projekt hingegen ist am anderen Ende der Hierarchie angesiedelt. Mit der Konzentration auf eng eingegrenzte Räume und spezifische Institutionen zur Flüchtlingsproblematik streben wir eine größere Tiefenschärfe an, die uns konkret erlaubt zwischen verschiedenen Modi von Governance zu differenzieren und diese zu charakterisieren.

Die Forschung ist sich einig darin, dass die Versorgung von Flüchtlingen historisch immer eine prominente Rolle innerhalb von Governance in China gespielt hat. Lag in der Forschung zur späten Qing-Zeit (1800-1911) der Schwerpunkt lange eher auf staatlichen Wohlfahrtsmaßnahmen wie der Einrichtung  von Kornspeichern (Feng Liutang 1993; Will 1991) oder der Hilfe bei Überschwemmungskatastrophen (Amelung 2000), so hat er sich in neueren Studien mittlerweile auf die nicht-staatlichen Akteure, insbesondere auf  Wohlfahrtsgesellschaften (shanhui oder tongshan hui) und auch auf einzelne Philanthropen verschoben (Zhao Bao’ai 2010, Ruan Qinghua 2005, Handlin Smith 2009, Zhou Qiuguang/Zeng Guilin 2009). All diesen Untersuchungen ist gemeinsam, dass sie die lokale Ebene, wenn auch unterschiedlich gewichtet, als Räume betrachten, aus denen der Zentralstaat sich – sei es aus Schwäche (Aufstände im Innern, Aggression von außen) oder sei es als Konsequenz einer überlegten Akkommodationsstrategie – zurückgezogen hatte. Dabei werden die institutionellen und organisatorischen Voraussetzungen für Kooperationen zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren, deren spezifische Formen, das interne Machtgefüge dieser Kooperationen und nicht zuletzt Erfolgs- und Misserfolgsfaktoren hinsichtlich der gesetzten Ziele zumeist nicht ausreichend thematisiert. Hier setzen die Untersuchungen des Teilprojektes an, die auf die Erarbeitung von regional unterschiedlichen Governance-Institutionen und ihren Vergleich hinarbeiten und auf dieser Basis die Funktionen dieser Kooperationen und Governance-Modi bestimmen können.

Für die Republikzeit (1911 bis 1949) wurde in der Forschung eine kontinuierliche Intensivierung und in manchen Bereichen gar erst Etablierung staatlicher Wohlfahrtstätigkeit behauptet (Szto 2002: 308). Insbesondere die Jahre 1945 bis 1949 führten, so die These,  unter Führung der GMD  zu einer ungekannten Expansion des Staates (Dillon 2008: 203–205). Es ist daher argumentiert worden, dass diese massive Ausdehnung staatlicher Institutionen in Verbindung mit der Erfindung und Etablierung eines Wohlfahrtsstaates als Antwort auf die kriegsbedingte soziale und wirtschaftliche Krise in China stand. Der Rückzug der GMD-Regierung und die Flucht von vielen Millionen Zivilisten vor den angreifenden japanischen Truppen in Richtung Westchina, argumentiert Liu Lu (2002), habe zu einem Bedeutungsverlust der vormals auf lokalen Netzwerken beruhenden, privaten Institutionen geführt und zugleich den Ersatz durch staatliche Stellen notwendig gemacht. Zwar hätten die staatlichen Hilfsleistungen für die Flüchtlinge zunächst die Legitimität der GMD-Regierung erhöht und zugleich das nationale Bewusstsein der Flüchtlinge gestärkt; im weiteren Verlauf des Krieges seien jedoch die Defizite der staatlichen Wohlfahrt deutlich geworden, was dem Legitimitätsverlust der GMD in den Jahren nach 1945 den Boden bereitet habe (Liu Lu 2002: 175-179).

Abgesehen von dieser Studie ist für den Zeitraum der 1940er Jahre die konkrete Entwicklung des Verhältnisses zwischen privaten und staatlichen Institutionen in der Versorgung von Flüchtlingen und bezüglich anderer Hilfeleistungen nur im Falle Shanghais näher untersucht worden. Auch wenn Shanghais Sonderstellung eine Übertragung hier gewonnener Forschungsergebnisse auf andere Städte schwierig macht (und damit die Notwendigkeit weiterer Fallstudien verdeutlicht), geben die Resultate doch einige wesentliche Anhaltspunkte dafür, dass sich in den Jahren zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Gründung der Volksrepublik 1949 die Kooperation staatlicher und nicht-staatlicher Institutionen weiterhin wichtig war (Dillon 2008). Entscheidend für die erfolgreiche Arbeit privater Hilfsorganisationen, die während der Belagerung der Stadt durch japanische Truppen im Herbst 1937 ihren Höhepunkt erreichte, war die enge Kooperation privater Philanthropen und Spender mit hoch stehenden Beamten der chinesischen Stadtregierung, die sich beispielsweise in der Bildung von Komitees zur Koordinierung privater und staatlicher Hilfsaktionen zeigte. Auf diese Weise konnte sogar die Kommunistische Partei zur Zusammenarbeit mit der GMD-Regierung gewonnen werden (Dillon 2008: 193–195)

Die konkrete Bewältigung von Herausforderungen an die Governance–Institutionen, wie zum Beispiel durch bedeutende kriegsbedingte Krisen in Form von Migration, Hunger oder Krankheiten spielt jedoch bei den meisten Autoren bislang keine Rolle. Die Arbeiten basieren zumeist auf Untersuchungen der Makro-Ebene; die konkreten, aber für den Erfolg der sozialistischen Umgestaltung letztlich wichtigeren Abläufe „on the ground“ entziehen sich den meisten Großtheorien. Es fällt ohnehin auf, dass die meisten Studien sich an den konventionellen Eckdaten orientieren (Zweiter Weltkrieg in Ostasien 1937-1945, Bürgerkrieg 1945-1949) und die Verbindungen über die Zäsuren hinweg (wie z.B. die Fortdauer des Ausnahmezustands bis mindestens 1949) außer Acht lassen (Lary 2010, MacKinnon 2008, Lary/MacKinnon 2001). Darüber hinaus befasst sich der Schwerpunkt der bisherigen Forschung zu den Flüchtlingsbewegungen eindeutig mehr mit den Anhängern der GMD, die ab 1949 nach Taiwan flohen, sowie auch mit den jüdischen Exilanten, die vor den Nationalsozialisten aus Europa nach China flüchteten (Ristaino 2001, Goikhman 2007, Lary 2007: 172-183). Die wenigen Studien, die sich bislang den Flüchtlingsströmen auf dem Festland gewidmet haben,  hören mit dem Jahr 1945 auf. Hingegen zeigt bereits Muscolino (2010) ansatzweise die wichtige Rolle der Umsiedlungspolitik von Flüchtlingen durch die GMD in den 1930er und frühen 1940er Jahren für die KPCh, die nach 1949 ebenfalls Flüchtlinge aus den Städten in dünn besiedelte, landwirtschaftlich kaum erschlossene Gebiete umsiedelte.

Der Forschungsstand gestaltet sich bei beiden ausgewählten Städte Tianjin und Qingdao unterschiedlich. Zur Geschichte Qingdaos liegen keine Arbeiten in westlichen Sprachen vor. Es gibt aber eine Reihe von chinesischen Abschlussarbeiten der vergangenen Jahre, die sich beispielsweise mit den Gilden in Qingdao zwischen 1945 und 1949 (Cheng Lei 2009, Fang Zhaocan 2009), mit staatlichen Insitutionen z.B. in der Wohlfahrt (Gao Jianhua 2008, Gu Dejie 2009) oder mit der Entwicklung privater Hilfsorganisationen bis in die Gegenwart (Xiao Qiang 2008) beschäftigen. Im Falle Tianjins ist die Forschungslage besser. Insbesondere Shue und Kwan (Kwan 2000, 2001; Shue 2006) haben sich mit der Rolle privater philanthropischer Gesellschaften der lokalen Elite beschäftigt. Die chinesische Historikerin Ren Yunlan (2007) hat die einzige vorliegende Monographie zum Thema der sozialen Fürsorge verfasst. Sie bietet einen vollständigen Überblick über die wichtigsten staatlichen und privaten Organisationen bis 1937. Ruth Rogaski berührt in ihrer Studie zu Hygiene in Tianjin das Thema Wohlfahrt gelegentlich, etwa im Zusammenhang mit den Kampagnen zur Zwangsimpfung gegen Cholera unter der japanischen Besatzung (Rogaski 2004: 254–284). Allen diesen Arbeiten ist gemeinsam, dass sie die Zusammenarbeit von staatlichen und zivilgesellschaftlichen Gruppen betonen. In den staatlich-privaten Mischformen sehen die Arbeiten ein wichtiges Merkmal von Governance-Institutionen vor 1949.

In der Forschung ist auch auf die Rolle und den Einfluss internationaler Institutionen hingewiesen worden. Im 20. Jahrhundert erschienen mit internationalen und ausländischen karitativen Gesellschaften vollkommen neue Akteure, die mit lokalen Governance-Institutionen kooperierten, aber auch konkurrierten: Zu nennen sind hier verschiedene nationale Gesellschaften des Roten Kreuzes (Reeves 1998), Missionsgesellschaften (Joseph Lee 2009, Golkin 1990, Bohr 1972) und Stiftungen wie die Rockefeller Foundation oder die Ford Foundation in China (Ilchman/Katz/Queen 1998, Hewa/Hove 1997, Schenkel 1995, Arnove 1984, 1980). Es handelt sich hier um eine Dimension der westlichen Präsenz in China, die mit Ausnahme der Missionen nicht systematisch untersucht worden ist, für die lokalen Entwicklungen von Governance aber bedeutend war. Die vorhandene Literatur zeigt, dass sich mit dem Erscheinen internationaler Hilfsorganisationen nicht nur die politischen Kräfteverhältnisse vor Ort veränderten, sondern dass auch neue Visionen, Organisationsformen und Institutionen Eingang in die lokalen Governance-Formen fanden.

Der Schwerpunkt der Arbeiten zur Flüchtlingsproblematik liegt zeitlich, wie erwähnt, in der japanischen Besatzungszeit und behandelt vor allem Hilfeleistungen. Unter dem Aspekt der Sicherheitsproduktion jedoch ist das Thema interessanterweise nicht behandelt worden. Wenngleich auf der Hand liegt, dass große Mengen von Flüchtlingen in einer Stadt sowohl die Frage nach der Sicherheit der Flüchtlinge, als auch die Frage nach der Sicherheit vor diesen Flüchtlingen aufwerfen, ist diese Problematik bislang fast ausschließlich unter dem Aspekt Hilfeleistungen behandelt worden. Für die Analyse von Governance-Modi ist die Intervention von Polizei- und Parteikräften aber außerordentlich wichtig, insofern damit die Regelungsansprüche staatlicher Institutionen gegenüber anderen nicht-staatlichen Organisationen wirksam durchgesetzt werden können.

Insgesamt betrachtet, stellt sich die Erforschung des Übergangs von der Republik China zur Volksrepublik somit als ein relativ wenig bearbeitetes, gleichwohl zunehmend beachtetes Forschungsfeld dar. Die meisten vorliegenden Arbeiten orientieren sich dabei an dem Jahr 1949 als grundlegende Zäsur. Arbeiten, die das Gründungsjahr überspannen und damit zugleich auch notwendig seinen trennenden Charakter hinterfragen, sind dagegen noch immer selten, wenngleich William C. Kirby (1990) schon vor mehr als 20 Jahren auf dieses Desiderat hingewiesen hat. Im Gegensatz dazu beabsichtigt unser Projekt, die Etablierung des sozialistischen Systems als Prozess einer schrittweisen Konsolidierung von Institutionen und Staatlichkeit zu begreifen, der auf der Inkorporation und Transformation bestehender Strukturen und Institutionen beruhte. Anstelle von einem simplen Bruch auszugehen, studiert das Vorhaben die Prozesse des Übergangs in konkreten Institutionen und kann daher zwischen verschiedenen Modi von Governance zeitlich und systematisch unterscheiden.

Damit in Zusammenhang steht auch, dass sich insbesondere für die Zeit nach 1949 die meisten Arbeiten generell auf staatliche Akteure oder die Kommunistische Partei konzentrieren und die über 1949 bis Mitte der 1950er Jahre hinweg zu beobachtende Kooperation von staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren (wie zum Beispiel private Hilfsorganisationen und Philanthropen, internationale Organisationen) bei der Erbringung von Governance-Leistungen übersehen wurde (siehe auch unten). In der gegenwärtigen Forschung werden Aspekte wie Hilfeleistung, Sicherheit und Herrschaft außerdem zumeist voneinander getrennt behandelt, so dass die wichtige Rolle der effektiv erbrachten öffentlichen Güter durch variierende und flexible Governance-Modi für die Konsolidierung nach 1949 kaum analysiert worden ist.

Am Ende kommen die vorhandenen Arbeiten zu sehr unterschiedlichen Einschätzungen der Jahre des Übergangs von der Republik China zur Volksrepublik China. Auf der einen Seite werden die 1950er Jahre als den gewalttätigen Beginn der totalitären Herrschaft der KPCh bewertet. Viele Studien konzentrieren sich dabei ganz auf Mao Zedong, dessen Politik sie eine zentrale Rolle zuweisen (Dikötter 2010, Chang/Halliday 2005). Auf der anderen Seite steht ein Porträt der frühen 1950er Jahre als das eines „goldenen Zeitalters“ des Sozialismus in China. Diese Deutung betont, dass der KPCh bis zum Beginn des verhängnisvollen „Großen Sprung nach vorn“ 1958 eine unter den sozialistischen Staaten beispiellose Aufbauleistung gelungen sei (Cheek 2010, Leutner 2007, MacFarquhar 1974).

Im Unterschied zu diesen stark zugespitzten und per se wertenden Positionen wird das vorliegende Projekt mit einem mikrohistorischen und vergleichenden Zugang präzisere, empirisch exaktere Einschätzungen liefern. Mit der Beschreibung und Typologisierung von Governance-Institutionen und Legitimationsformen soll auch zu einer Begriffs- und Analyseschärfung beigetragen werden. Damit sollen die zu beobachtenden flexiblen und adaptiven Governance-Modi genauer erfasst werden können, die vermutlich ein Kennzeichen der Entwicklung in China sind. Dabei sieht sich das Teilprojekt mit einer heuristischen Herausforderung konfrontiert. Chinesische Staatlichkeit befand sich in der hier im Vordergrund stehenden Untersuchungsperiode in einer Umbruchphase, in der Regierungsinstitutionen und Regierungspraxen durch zahlreiche Mischformen zwischen traditionellen Institutionen und sowjetischen Elementen gekennzeichnet waren und zur Entstehung von Hybridformen beitrugen. Die in China entstehenden Formen und Institutionen von Governance sind sehr viel mehr als im sowjetischen Fall durch zunächst mangelnde staatliche Präsenz und hybride Formen politischer Steuerung – zum Beispiel Regieren durch Kampagnen und Bewegungen, Inkorporation bestehender Eliten und Strukturen – charakterisiert. Untersuchungen über die beschriebenen Hybridformen, ihre Entstehung und die damit verbundenen Transferprozesse zwischen der Sowjetunion und China fehlen. Mit der Analyse chinesischer Governance-Institutionen leistet das geplante Teilprojekt auch einen Beitrag zur Ideen- und Institutionengeschichte des spezifischen chinesischen Staatssozialismus, was auch für das Verständnis gegenwärtiger Entwicklungen von Relevanz ist.

 

Eigene Vorarbeiten

Das Teilprojekt greift Fragen und Themen auf, mit denen der Projektleiter sich in zurückliegenden Untersuchungen intensiv, wenn auch in anderen Forschungs-zusammenhängen, beschäftigt hat. Im Mittelpunkt der Vorarbeiten stehen sowohl die Geschichte des deutschen Kolonialismus in Qingdao als auch die Entwicklung von Sicherheit und Disziplin im China des 20. Jahrhunderts. Zu dieser Thematik hat der Projektleiter zwei Monographien publiziert. Als Sinologe und Historiker verfügt er über ein breites Netz fachspezifischer wissenschaftlicher Kontakte, institutionalisierter Beziehungen und nicht zuletzt die erforderlichen Erfahrungen in der Archivarbeit in China, ohne die ein solches Projekt kaum erfolgreich durchgeführt werden kann.

In den bisherigen Untersuchungen des Projektleiters haben zwei Fragestellungen eine besondere Rolle gespielt: Zum einen stand die spezifische Form kolonialer Herrschaft im Zentrum des Interesses, einschließlich ihrer rechtlichen Kodifizierung und ihren sozialen Konsequenzen. Die rechtliche Steuerung von Verwaltung und Administration war für das koloniale Projekt ebenso wichtig wie die Fixierung der Unterscheidung zwischen der Kolonialherrschaft und den Kolonisierten (Mühlhahn 2000). Die so genannte „Eingeborenenpolitik“ war ein zentrales Element der deutschen Kolonialpolitik in Qingdao, die vor allem seit der Wende zum 20. Jahrhundert immer wichtiger wurde (Mühlhahn 2011).

Zum zweiten hat sich der Projektleiter ausführlich mit der auch für das Gesamtprojekt relevanten Frage auseinandergesetzt, wie in China Strafrecht dazu benutzt wurde, Sicherheit und Herrschaft  durchzusetzen und zu verteidigen (Mühlhahn 2009). Dazu hat er auf einer theoretischen und übergreifenden Ebene Überlegungen angestellt, die an Fragen der Legitimität und Institutionenforschung anknüpfen (Mühlhahn 2010b). An konkreten Beispielen hat er darüber hinaus den Versuch unternommen, die Möglichkeiten und Chancen eines solchen übergreifenden Analyserahmens am Beispiel von Entwicklungen in der Republikzeit bzw. in den ersten Jahren der Volksrepublik China zu erkunden (Mühlhahn 2001, 2007).

Schließlich hat der Verfasser sich auch ausführlich mit den theoretischen und methodischen Fragen des Kulturtransfers und Vergleichs beschäftigt. In diesem Zusammenhang plädiert er  dafür über einen ‚systematischen’ Vergleich hinauszugehen und transfergeschichtliche Aspekte einerseits sowie die jeweils wirksamen globalen Kontexte andererseits mit in den Blick zu nehmen (Mühlhahn 2010a).

 

Fragestellung und Forschungsziele

Ziel des Teilprojekts ist die Erforschung der Transformation von Governance und Formen legitimen Regierens während des Aufbaus eines sozialistischen Gesellschaftssystems in China zwischen 1945 und 1957. Dazu analysiert das Teilprojekt auf der Grundlage eines mikrohistorisch fundierten Vergleichs die Entwicklung von staatlichen und nicht-staatlichen Institutionen zur Bewältigung und Stabilisierung der Flüchtlingskrisen in den zwei nordchinesischen Städten Qingdao und Tianjin. Die Analyse konzentriert sich auf jene politischen Aufgabenbereiche, die der Bewältigung der Flüchtlingsbewegungen und der dadurch initiierten sozialen, wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen dienten, wie u.a. Versorgung der Flüchtlinge mit Nahrung, Wasser und Unterkünften seitens privater und staatlicher Stellen, Herstellung der inneren Sicherheit durch Polizeikräfte, Überwachung und Kontrolle durch Registrierung, Infrastrukturmaßnahmen sowie Sozial- und Armenfürsorge. Wir gehen davon aus, dass es durch den Einsatz spezifischer und flexibler Methoden der Krisenbewältigung wie Kooperationen, politische Kampagnen, Registrierungen, Umsiedlungen und der graduellen Verstaatlichung von Hilfsorganisationen zu einer grundlegenden Transformation von Governance sowie zur Entwicklung von durchsetzungsfähigen Herrschaftsinstitutionen und der Errichtung konsolidierter Staatlichkeit kam. Wir fragen nach den Vor- und Nachteilen dieser Entwicklung sowie nach ihrem Stellenwert für die Charakterisierung des neuen politischen Systems.

Im Zeitraum von 1945 bis Anfang der 1950er Jahre stellt China ein klares Beispiel für einen Raum begrenzter Staatlichkeit dar. Die japanische Okkupation im Zweiten Weltkrieg und der sich anschließende Bürgerkrieg führten zu einer dramatischen Reduzierung einheimischer Regierungs- und Regelungskapazitäten, die ohnehin bereits durch die bis Mitte der 1940er Jahre fortbestehenden Reste halbkolonialer Fremdbeherrschung nur eingeschränkt funktioniert hatten. Es ist davon auszugehen, dass um 1945 staatliche Strukturen weitgehend dysfunktional waren und ihr Legitimität eingebüßt hatten. Folglich übernahmen private Organisationen (Wohlfahrtsverbände, philanthropische Gesellschaften und internationale Organisationen) die Hauptrolle bei der Versorgung der Bevölkerung und der Flüchtlinge mit öffentlichen Gütern. Nach 1949 wurde dieser Prozess allerdings graduell umgekehrt, und es kam zu einem Wiederaufbau von Staatlichkeit. Insofern stellt sich hier ein interessanter Fall dar: Innerhalb eines Jahrzehnts wurden Räume begrenzter Staatlichkeit zu Räumen konsolidierter Staatlichkeit. Gerade wegen dieses weit reichenden Wandels ergeben sich hier wichtige Fragen hinsichtlich der Möglichkeiten, Grenzen und Fehlentwicklungen bei der Überwindung von Phänomenen begrenzter Staatlichkeit und deren Ersetzung durch Regierungsinstitutionen. Diese Prozesse, ausgehend von unterschiedlichen Ausgangslagen wie Kolonialherrschaft, nationalistischer (GMD) und sozialistischer (KPCh) Herrschaft, werden im Projekt beispielhaft an der Behandlung des Flüchtlingsproblems untersucht. Dadurch wollen wir transitorische Konstellationen des Regierens in einer historischen Umbruchsituation des Systemwechsels analysieren. Wir gehen der Frage nach, ob es in den untersuchten Räumen einen Zusammenhang zwischen dem Grad der Legitimität von Herrschaft, den Problemen bei der Bereitstellung von Flüchtlingshilfe und somit auch der Qualität von bestimmten Governance-Leistungen gibt.

Am Umgang mit der Flüchtlingsproblematik wird somit der Transformationsprozess von verschiedenen Governance-Institutionen paradigmatisch analysiert. Wir vermuten, dass es durch den Einsatz neuer Methoden und Techniken zu einer tiefgreifenden Veränderung bestehender Governance-Institutionen und zur Entwicklung von neuen effektiven Modi von Governance kam, die systematisch nachgewiesen werden sollen. Dadurch konnte sich Herrschaft auf neuer Grundlage legitimieren.

Im Teilprojekt werden Akteure, Formen und Kooperationsmodi bei der Versorgung, Unterstützung und Unterbringung von Flüchtlingen als Beispiel für die Produktion von Governance-Leistungen und die Wiederherstellung legitimen Regierens im Untersuchungszeitraum studiert. In dem gesamten Untersuchungszeitraum kam es als Folge der Kampfhandlungen im Zuge des Zweiten Weltkriegs und des Bürgerkrieges zu großen Flüchtlingsbewegungen. Schätzungen gehen von 65 bis 90 Millionen Flüchtlingen aus (Muscolino 2010). In Tianjin zum Beispiel hielten sich in den 1940er Jahren fast ständig bis zu 100.000 Flüchtlinge, Obdachlose und verstreute Soldaten auf, die versorgt werden mussten (Rogaski 2004: 270). 1949 war die Zahl der Flüchtlinge in der Stadt sogar auf mehr als 300.000 angestiegen, darunter rund 100.000 ehemalige Soldaten. In Qingdao waren die Zustände Ende 1948 so bedrohlich geworden, dass sich die Stadtregierung darum bemühte, 50.000 Bürgerkriegsflüchtlinge in die entfernte Provinz Jiangxi umzusiedeln (Qingdao shizhi bangongshi 1996: 167). Obwohl sich die KP nach der Eroberung einer jeden Stadt zuerst darum bemühte, Bettler und Obdachlose umzusiedeln oder in Heimen unterzubringen (Janet Chen 2005: 285-286), bestanden die durch die Flüchtlingswelle hervorgebrachten Probleme bis in die frühen 1950er Jahre hinein fort. 1950 kam es zum massenhaften Ausbruch der Cholera in Tianjin. Qingdao und Tianjin waren außerdem wichtige logistische Stützpunkte im Koreakrieg und nahmen jeweils eine große Zahl von Verwundeten und demobilisierten Soldaten auf. In beiden Städten waren bis in die frühen 1950er Jahre hinein auch trans- und internationale Akteure wie das Rote Kreuz, die Rote Swastika Gesellschaft, Missionare und das UN-Hilfswerk aktiv. Einige der ausländischen Konzessionen betrieben in den späten 1940er Jahren eigene Flüchtlingslager (Ren Yunlan 2007: 96). Konkret ging es bei den Hilfeleistungen sowohl um die Lieferung von Nahrungsmitteln, Kleidung und Unterbringung als auch um medizinische Hilfe und die Prävention von Epidemien.

Den verschiedenen Maßnahmen lagen nicht bloß politische oder moralische Motivationen zugrunde, sondern sie fungierten auch als politisches und soziales Instrument. Aus der europäischen Frühen Neuzeit ist die Armenfürsorge als Form sozialer Kontrolle bekannt, die zugleich Prestige-Gewinn und damit soziales Kapital für den privaten Wohltäter bedeutete. Ähnliches gilt für das China der späten Kaiserzeit (Smith 2009). Für die modernen Regimes der GMD und der KPCh war es hingegen wichtig, diesen Sektor unmittelbarer staatlicher Steuerung zu unterstellen oder ihn mit Hilfe staatlicher Organisationen selbst auszuführen, um Legitimität zu gewinnen (Shue 2006).

Die Anwesenheit einer wachsenden Zahl von Flüchtlingen stellte aber nicht nur ein humanitäres Problem, sondern zugleich auch eine Herausforderung an die innere Sicherheit dar. In den späten 1940er und frühen 1950er Jahren war die neue Regierung mit einer Vielzahl von Herausforderungen im Bereich der Aufrechterhaltung von Sicherheit konfrontiert. Steigende Kriminalitätsraten in den Städten, verursacht durch die Folgen des Krieges, den Zusammenbruch der städtischen Ökonomien und krisenbedingte Wanderungsbewegungen vom Land in die Städte, waren sichtbarster Ausdruck des Zusammenbruchs der Ordnung und der wachsenden Bedrohungen der inneren Sicherheit in der 1940er Jahren. Eine der wichtigsten Aufgaben der neuen Regierung nach 1949 war es daher, die öffentliche Ordnung wiederherzustellen und aufrechtzuerhalten (Janet Chen 2005: 285-286). Jedoch waren Sicherheitskräfte nur eingeschränkt vorhanden: in ganz China gab es zum Zeitpunkt der Revolution nur rund 8000 Polizisten höheren Dienstgrades („police officers“, Wakeman Jr. 2007: 38-39). Zunächst war die neue Regierung zum einen darauf angewiesen, rund zwei Drittel aller Polizisten, die unter der GMD gedient hatten, weiter zu beschäftigen, zum anderen sollte eine neue Organisation namens „Büro für Öffentliche Sicherheit“ (gong’an ju) geschaffen werden. Die Aufgaben des Büros teilten sich in die Bereiche Herstellung sozialer Ordnung (d.h. vor allem Regelung des Straßenverkehrs und des Straßenhandels), Bekämpfung von Kriminalität, Bekämpfung von Unterstützern des alten Regimes sowie Zuteilung von Lebensmittelkarten (Wakeman Jr. 2007: 41-42, 49). Das „Büro für Öffentliche Sicherheit“ sollte somit ganz wesentlich zur Konsolidierung des kommunistischen Staates beitragen.

Aus diesem Grund konzentriert sich das Teilprojekt neben den Fragen der Hilfeleistung auch auf Governance-Institutionen zur Herstellung der inneren Sicherheit, wie Polizei, Strafverfolgung und Kampagnen zur Wiedererrichtung der Ordnung. Auch hier setzen wir konkret bei der Flüchtlingsproblematik an. Die Anwesenheit einer großen Flüchtlingspopulation stellte die Organe der Sicherheit in den Städten vor große Probleme. Von Interesse sind in diesem Zusammenhang die Behandlung von straffälligen Flüchtlingen und ihre Unterbringung in Arbeitshäusern, Arbeitslagern oder Gefängnissen. Zugleich wollen wir uns mit der Rolle von Propaganda (xuanchuan) und „Gedankenarbeit“ (sixiang gongzuo) als einer Form der Produktion eines legitimierenden und disziplinierenden Diskurses beschäftigen. Dabei geht es konkret um die verschiedenen politischen Kampagnen (zum Beispiel die Kampagnen zum Korea-Krieg), die so genannte Propaganda-Arbeit (Flugblätter, Poster) und den Einsatz von Zeremonien und politischen Ritualen (Paraden, Massenversammlungen, Schauprozesse, Heldenverehrung). Bei der großen Zahl von Flüchtlingen war es nicht nur wichtig, diese Gruppe durch Verteilung von Flugblättern zu indoktrinieren und an das System zu binden, die praktische Bewältigung der Flüchtlingsproblematik eignete sich auch als Vehikel zur Herstellung von Legitimität. So konnte in Berichten  über die  Versorgung der Flüchtlinge mit Hilfsgütern der paternalistische und patriotische Charakter der Herrschaft der KPCh demonstriert werden. Im Hinblick auf den Aspekt der Sicherheitsproduktion wird in dem Projekt einerseits die Bereitstellung physischer und diskursiver Sicherheit analysiert und andererseits, insbesondere nach 1949, der Aufbau einer an Regeln und Normen gebundenen Sicherheit im sozialistischen Staat.

In der Analyse der oben beschriebenen Transformationsprozesse muss zwischen verschiedenen Governance-Kollektiven unterschieden werden. Für das Kollektiv der Flüchtlinge bedeuteten die verschiedenen Maßnahmen oft eine Verbesserung ihrer Lebensumstände, allerdings um den Preis einer Zunahme von Kontrolle und eines weitgehenden Verlustes von Autonomie (z.B. durch die zwangsweise Umsiedlung). Die ansässige Bevölkerung hingegen betrachtete die Flüchtlinge als Bedrohung und Konkurrenz, zumal in einer Zeit, die von allgemeiner Knappheit an Subsistenzmitteln geprägt war. Für die Herrschenden wiederum waren die Produktion von Sicherheit und Wohlfahrt effektive Instrumente zur Stabilisierung ihrer Herrschaft, wobei sie auch das Kollektiv der ansässigen Bevölkerung mobilisieren und für ihre eigenen Zwecke nutzen konnten. Es geht in diesem Zusammenhang insbesondere um den Aufbau und die Durchsetzung von staatlichen Herrschaftsinstitutionen innerhalb der Governance-Arrangements. Herrschaft bedeutet für uns ganz im Sinne der an Max Weber angelehnten Definition des Sonderforschungsbereichs eine „institutionalisierte Hierarchie mit Legitimationsanspruch“ (SFB 700, Rahmenantrag 2010-2013: 26).

Insbesondere unter der GMD zwischen 1945 und 1949 sowie in den ersten Jahren nach 1949 waren in der Bewältigung der Flüchtlingskrisen eher Formen nicht-hierarchischer Handlungskoordination vorherrschend. Nach 1949 gelang es der KPCh die vielen, auf privaten Initiativen beruhenden Wohlfahrtsorganisationen schrittweise staatlicher Kontrolle zu unterstellen. Im April 1950 wurden die bestehenden Wohlfahrtsorganisationen in der „Liga für Volkswohlfahrt“ (Zhongguo renmin jiuji zonghui) zusammengefasst. Alle privaten Wohlfahrtsorganisationen wurden zur Mitarbeit aufgerufen, sofern sie sich an die Statuten der Liga hielten. Vertreter des YMCA und des Roten Kreuzes in Shanghai erhielten ebenfalls einen Platz in der neuen Liga (Dillon 2010: 83-86). In Tianjin wurden privat betriebene Waisenhäuser zum städtischen “Wohlfahrtsamt für Kinder” (Ertong Fuli Yuan) zusammengefasst. In Qingdao übernahmen die Kommunisten von der Guomindang das „Städtische Amt für Nothilfe“ und machten es durch die Erweiterung um zahlreiche Einrichtungen, wie Waisenhaus, Altenheim und Krankenhaus, rasch zu einer der wichtigsten Wohlfahrtseinrichtungen (Qingdao shizhi bangongshi 1997: 237-242). Auf ähnliche Weise entstanden viele verschiedene staatliche Wohlfahrtsämter (Dixon 1981), die im Laufe der 1950er Jahre ihren Zugriff auf die ursprünglich privaten Einrichtungen verstärkten und die deren Eigenständigkeit anzugreifen begannen. Internationale Organisationen mussten Mitte der 1950er Jahre schließlich das Land verlassen, ihre Einrichtungen wurden verstaatlicht (wie zum Beispiel 1952 das katholische Waisenhaus von Qingdao oder das Rote Kreuz von Qingdao, Qingdao shizhi bangongshi 1997: 234-235, 242-244).

Von Mitte der 1950er Jahre an war die Versorgung der Bevölkerung dann eine Aufgabe, die generell in die Zuständigkeit des Zentralstaats fiel.[1] Jedoch löste der Staat nicht bloß seine privaten Konkurrenten auf, sondern er schuf zugleich neue Einrichtungen in allen Bereichen der Versorgung der Flüchtlinge. Hierzu zählten Berufsschulen für Arme sowie eine Stätte zur Umerziehung der rund 1000 Prostituierten Qingdaos. Nachdem die Kommunisten die Prostitution 1949 strikten Beschränkungen unterworfen hatten, sollten diese Frauen hier einen anderen Beruf erlernen oder auf die Rückkehr in ihre Heimatdörfer vorbereitet werden (Qingdao shizhi bangongshi 1997: 246-248). Es kam somit Mitte der 1950er Jahre zu einer umfassenden Verstaatlichung und Nationalisierung der Wohlfahrts- und Sicherheitsproduktion. Diese wurde zu einer wichtigen Säule der Herrschaft der KPCh.

Der Beitrag, den unser Projekt somit zur Arbeit des Sonderforschungsbereichs leisten will, liegt darin zu zeigen, wie die Überleitung nicht-hierarchischer in hierarchische Formen der Handlungskoordination, kurz: die Etablierung von Herrschaft im oben genannten Sinne, gelingen kann (→SFB-Ziel 1: Modi der Handlungskoordination und Machtverhältnisse) und welche Vor- oder Nachteile dies mit sich bringt. Gleichzeitig wollen wir durch unseren Fokus auf Legitimität demonstrieren, wie der KPCh das gelang, was alle wechselnden Regime vor ihr nicht vollbracht hatten: die faktische Einlösung des Legitimationsanspruchs durch die Erbringung von spezifischen Governance Leistungen. (→SFB-Ziel 3: Effektivität und Legitimität von Governance).

Das Projekt zielt darauf ab, die insgesamt wenig erforschten Jahre des Bürgerkriegs und die ersten Jahre der sozialistischen Transformation in China anhand konkreter empirischer Fallstudien am Gegenstand der Flüchtlinge näher zu beleuchten. Was in der VR-chinesischen Forschung bis heute meist durchgängig für alle Landesteile als „Befreiung“ bezeichnet wird, wurde tatsächlich an unterschiedlichen Orten und von unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft höchst unterschiedlich erlebt. Es gab sowohl Gewinner und Verlierer, Opfer und Nutznießer der neuen Politik, die oft lokal variierten, ebenso wie sich unterschiedliche historische und sozio-ökonomische Strukturen auf die Entwicklung vor Ort auswirkten. Im Ergebnis kam es zu flexiblen, adaptiven Governance-Konfigurationen. Wir gehen davon aus, dass sowohl diese Unterschiede als auch die (unterschiedliche?) Effektivität von Governance unter den alten und den neuen Herrschaftskonstellationen Einfluss auf die Ausgestaltung der Diskurse zur Legitimität verschiedener Akteure im Wohlfahrts- und Sicherheitssektor hatten (→SFB-Ziel 3: Effektivität und Legitimität von Governance).

Ein zweites zentrales Ziel des Projekts ist es, den Zäsurcharakter des Jahres 1949 für die chinesische Governance-Forschung und für die Stadtgeschichte neu zu bewerten. Dies wird zwingend erforderlich, wenn man Ansätze der Kolonialgeschichte ernst nimmt, diese Geschichte im Sinne der subaltern studies  gewissermaßen „von unten“ zu schreiben und die Perspektive der Beherrschten in den Mittelpunkt zu rücken (Stoler, McGranahan 2007: 243). Für Tianjin hat Kenneth Lieberthal überzeugend dargelegt, dass, bezogen auf die kommunistische Machtübernahme des Jahres 1949, „the simple act of achieving political power in a city had remarkably little effect on the perceptions of the people in that city“ (Lieberthal 1973: 265). Auf der anderen Seite hält Julia Strauss (2006) fest, dass jener spezifische Governance-Modus, den sie als „state building through campaign“ bezeichnet, spätestens nach 1952 große Wirkung entfaltete. Der Zeitraum zwischen 1945 und 1952 jedoch, der heute in der chinesischen Historiographie überwiegend als Periode der planvollen „Übernahme der Städte“ (chengshi jieguan) durch die KPCh beschrieben wird, war tatsächlich, so hat Susanne Stein jüngst demonstriert, eine Zeit von Versuch und Irrtum, geprägt durch eine Mischung aus Kooperation und Widerstand, Erfolg und Fehlschlag (Stein 2010: 119-139).

Zum dritten verfolgt unser Projekt das Ziel, Aneignungs- und Abwehrprozesse im Rahmen von Governance-Transfers zu erforschen (→SFB-Ziel 4: Aneignungs- und Abwehrprozesse). Unsere Fallstudien erlauben die Unterscheidung von (mindestens) drei Transfers. Erstens: Der Transfer von eher traditionellen Governance-Strukturen, die sich aus der späten Kaiserzeit bis in die Republikzeit hinein fortgesetzt hatten und geprägt waren von staatlichen Appellen an lokale und nationale Akteure bei minimalem direktem staatlichen Engagement und einer zunehmenden Selbstorganisation sektorial und geographisch definierter Gruppen. Zweitens: Der Transfer kolonialstaatlicher, insbesondere deutscher und japanischer Governance-Strukturen im Wohlfahrtsbereich, die eine stark obrigkeitsstaatliche Komponente mit sich brachten. Drittens: Der Transfer sozialistischer, am Modell der Sowjetunion ausgerichteter Wohlfahrtseinrichtungen, der landesweit spätestens 1949 in Angriff genommen wurde und der Volksrepublik zumindest scheinbar zu einer kaum gekannten gesellschaftlichen Homogenität verhalf.

Zusammenfassend können folgende konkrete Fragestellungen des Vorhabens festgestellt werden:

·         Welche gesellschaftlichen oder privaten Organisationen und welche staatlichen Akteure übernahmen im Untersuchungszeitraum Aufgaben der Wohlfahrt und Sicherheit in den Städten Tianjin und Qingdao, um der gravierenden Flüchtlingsproblematik der 1940er Jahre zu begegnen?

·         Wie gestalteten sich die Machtverhältnisse zwischen den Akteuren, und welche Modi der Handlungskoordination resultierten hieraus?

·         In welcher Weise trugen die tatsächlich erbrachten Leistungen und Maßnahmen der Flüchtlingshilfe zur Legitimierung der sozialistischen Systems bei?

·         In welcher Weise und in welchem Grad trugen internationale und transnationale Gruppen zur öffentlichen  Wohlfahrt und Sicherheit bei?

·         Wie unterschieden sich zusammenfassend die Governance-Institutionen und damit die Transfers, in einer semi-kolonialen Stadt von denjenigen in einer ehemaligen Kolonie?

·         Wer waren die Vermittler und Übersetzer in diesen Transferprozessen? Was waren die Motive und Ziele? Von welchen Medien und Vermittlungsinstanzen wurde der Transfer politischer Institutionen und politisch-kultureller Inhalte getragen?

·         Welche Veränderungen lassen sich jeweils nach 1945 und nach 1949 feststellen, wenn die Städte unter verschiedene chinesische Administrationen kamen?

·         In welcher Weise wurden indigene Formen und Methoden der Wohlfahrt zugunsten externer Modelle abgewandelt oder sogar aufgegeben?

Methoden und Operationalisierung

Das Projekt greift auf Ansätze der Governance-Forschung, der Mikrohistorie und der Diskursanalyse zurück. Mit Hilfe einer zu entwickelnden komparativen Heuristik werden auf der Grundlage der Auswertung und Analyse des einschlägigen Quellenmaterials die Prozesse, Institutionen und Machtmechanismen während des Übergangs zur Herrschaft der KPCh in den zwei Städten Tianjin und Qingdao vergleichend herausgearbeitet. Dabei kommt neben dem historischen Typen- und Strukturvergleich zwischen verschiedenen Formen des  Regierens im Rahmen der Querschnittsgruppen des SFB auch der asynchrone Vergleich im Hinblick auf die verschiedenen historisch zu beobachtenden Formen des Regierens in China zum Tragen.

Über die vergleichende Analyse und Beschreibung der Besonderheiten der ausgewählten Fälle werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede sowie ggf. Interdependenzen zwischen den Fallstudien identifiziert. Diese dienen als empirische Grundlage für die angestrebte historische Begriffsbildung. Durch den Vergleich wird die Spezifik einzelner Governance-Formen und ihrer Ausgangslagen schärfer gefasst und der Blick geöffnet für Probleme und Fragen, die man ohne den historischen Vergleich nur schwer erkennen könnte.

Die Analyse der Entwicklung von Governance-Formen in China muss zugleich auch Perspektiven und Forschungsansätze der interkulturellen Transferforschung und Globalgeschichte berücksichtigen. Wie oben ausgeführt, beinhaltete die Etablierung von Verwaltung und Herrschaftsstrukturen in China im Untersuchungszeitraum auch eine Übertragung der politischen Strukturen der jeweiligen internationalen Partner-, Schutz- oder Kolonialmächte wie im Falle Japans, der USA oder der Sowjetunion. Es ist somit danach zu fragen, welche Governance-Formen übernommen wurden und welche Elemente von den regierenden Parteien in China abgelehnt beziehungsweise den Verhältnissen in China (zum Beispiel lokalen Traditionen des Regierens, der Rolle traditioneller Eliten) angepasst und sinisiert wurden.

Zur Erarbeitung der lokalen oder regionalen Spezifik von Governance in den ausgewählten Vergleichsfällen greift das Teilprojekt auf die mikrohistorische Methode zurück. Anhand von ausgewählten empirischen Aspekten wie Versorgung, Kontrolle und Indoktrination der Flüchtlinge werden Elemente und Spezifizierungen für die letztlich angestrebte Begriffsbildung und Analyse von Governance-Formen in China  gewonnen. Nur an einzelnen Beispielen, überschaubaren Räumen und transparenten Entwicklungen – und hier bietet sich das Beispiel der Bewältigung der Flüchtlingsproblematik an – können etwa lokale Besonderheiten erfasst werden. Anhand der Rekonstruktion klar definierbarer lokaler Gesellschaftsräume lässt sich das Ineinandergreifen verschiedener Bereiche aufzeigen, die makroanalytisch überhaupt nicht fassbar sind. Die mikrohistorische Perspektive schließt selbstverständlich den Blick auf das große Ganze nicht aus, sondern setzt ihn im Gegenteil voraus (Medick 1994, 1996).

Die Diskursanalyse spielt für das Vorhaben ebenfalls eine wichtige Rolle. Legitimierung von Herrschaft erfolgt neben effektiven Leistungen auch über Diskurse. Erlasse, öffentliche Reden, Gesetzestexte, und auch politische Theorien bilden einen Diskurs, der eine bestimmte Vision der sozialen Welt projiziert und dadurch bestimmte Praktiken anbahnt. Symbolische Macht tritt physischer und administrativer Macht zu Seite. Sie kann verstanden werden als die "Macht zur Durchsetzung der Anerkennung von Macht" (Bourdieu 1992: 135-154), eine legitimatorische Selbstbestätigung, mit der die Macht dafür sorgt, dass sie bekannt und anerkannt wird. In Bezug auf den Staat ist dies „eine besondere Sichtweise, die Sichtweise der Herrschenden, die sich als allgemeine Sichtweise darstellt und durchsetzt; die Sichtweise derer, die herrschen, indem sie den Staat beherrschen, und die ihre Sichtweise zur allgemeinen Sichtweise gemacht haben, indem sie den Staat gemacht haben“ (Bourdieu 1998: 121). In der neueren geschichtswissenschaftlichen Diskussion wird häufig der Zusammenhang zwischen der Praxis des Regierens und dem Legitimität erzeugenden Diskurs etwa durch Propaganda, Kampagnen, politischen Rituale etc. betont. Gerade die theatralischen Inszenierungen und die ideologische und Gedankenarbeit spielen in den 1950er Jahren eine zentrale Rolle (Hung 2010), wobei es im Teilprojekt um den spezifischen Beitrag der politischen Kultur zu Governance geht.

Ausgehend von diesen methodischen Vorüberlegungen führt das Teilprojekt zwei vergleichend angelegte Studien am Beispiel zweier Handelszentren der Küstenregion - Tianjin und Qingdao - durch. Konkret werden einzelne ausgewählte Institutionen untersucht, die die Versorgung von Flüchtlingen mit Hilfsgütern und -leistungen übernahmen, wie zum Beispiel Suppenküchen, Arbeitshäuser, Wohlfahrtsamt und dergleichen. Außerdem konzentrieren sich die Untersuchungen des Teilprojekts auf ausgewählte Governance-Institutionen zur Herstellung der inneren Sicherheit, insoweit diese eingesetzt wurden zur Bewältigung der Flüchtlingsströme, wie beispielsweise Polizei, Parteigremien (mit Zuständigkeit für politische Kampagnen), Straßen- und Wohnkomitees (Haushaltsregistrierung). Die Auswahl der spezifischen Institutionen erfolgt parallel zur gründlichen Durcharbeitung der Archiv- und Dokumentenbestände je nach Materiallage und Bedeutung der Institutionen.

Die ausgewählten Fallstudien variieren dabei im Hinblick auf drei Faktoren: Erstens die Präsenz traditioneller Institutionen und Eliten sowie deren Rolle in  den Stadtregierungen, zweitens die Rolle von internationalen Organisationen, Beratern und globalen Akteuren sowie drittens die strukturelle Differenzierung im Hinblick auf die unterschiedlichen kolonialen Vorgeschichten in Form verschiedener Herrschafts-, Rechts- und Sicherheitssysteme.

Zum ersten Faktor: In der Hauptsache bewegten sich die Flüchtlingsströme von den ländlichen Gebieten in die Städte entlang der Küste. Dabei sind historische Differenzen zwischen den verschiedenen chinesischen Küstenstädten zu berücksichtigen. [2] Tianjin steht repräsentativ für die insgesamt 92 so genannten geöffneten Handelshäfen oder treaty ports, die unter chinesischer Verwaltung standen, aber für die Ansiedlung von ausländischen Handelshäusern geöffnet waren. Qingdao auf der anderen Seite steht für den Stadttypus der klassischen Kolonialstadt, das heisst einer städtischen Neugründung unter ausländischer Kolonialverwaltung. Auch wenn dieser Stadttypus zahlenmäßig geringer war, finden sich darunter so ökonomisch wichtige Städte wie Hong Kong, Macao, Taibei (im japanisch besetzten Taiwan), das russische Port Arthur (Lüshun, heute Dalian), Harbin in der Mandschurei, das britische Weihaiwei (Weihai) und das französische Guangzhouwan.

Damit entstanden zwei Typen urbaner Räume mit unterschiedlichen politischen und sozialen Gegebenheiten, die bis 1949 relevant waren. In Tianjin war seit Jahrhunderten eine gelehrte und wohlhabende Elite ansässig, die an der Bereitstellung kollektiver Güter, wie Wohlfahrt und Sicherheit, stets maßgeblich beteiligt war. Hier wurden Wohlfahrtsorganisationen typischerweise zunächst als direkte Antwort auf eine akute Notlage ins Leben gerufen: eine Überschwemmung oder Hungersnot irgendwo in der großen und oft von Naturkatastrophen heimgesuchten, ländlichen Umgebung Tianjins. Regierungsbeamte, Kaufleute und andere Mitglieder der lokalen Elite fanden sich in solchen Fällen zusammen, um Suppenküchen und Flüchtlingslager einzurichten: „Private citizens and the state cooperated in a division of labor” (Kwan 2001: 91-92). Auf diese Weise retteten städtische Wohlfahrtsorganisationen jedoch nicht nur Leben, sondern – und das ist mindestens ebenso bedeutsam – sie schützten und reproduzierten zugleich bestimmte Ideale der  moralischen und sozialen städtischen Ordnung (Rogaski 1997), in der der lokalen Elite eine wichtige Funktion zukam. An der wichtigen Rolle lokaler Eliten änderte sich auch während der japanischen Besetzung der Stadt von 1937 bis 1945 wenig. Verwaltung und öffentliche Sicherheit wurden durch das „Tianjin Security Preservation Committee“ wahrgenommen, das aus zehn chinesischen Mitgliedern bestand (Rogaski 2004: 270) und mit den japanischen Besatzungsbehörden zusammenarbeitete. In Tianjin dominierten von daher nicht-hierarchische Kooperationsformen zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren.

Im 1897 von deutschen und später von japanischen Truppen besetzten Qingdao existierte eine solche Elite hingegen nicht, und öffentliche Aufgaben wurden weitgehend von den verschiedenen Kolonialverwaltungen übernommen. Zwischen 1922 und 1937 wurde Qingdao zwar von China verwaltet, dennoch behielt die Stadt einen Sonderstatus, der den wirtschaftlichen Interessen Japans diente. Etwa 14.000 Japaner, vor allem Geschäftsleute, blieben in der Stadt, es blieben japanische Straßenschilder, es blieb sogar die japanische Polizei – die japanische Präsenz sollte die Stadt letztlich vom Beginn des Ersten bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs prägen. Bis 1924 fungierte der Gouverneur der Provinz Shandong zugleich als Gouverneur von Qingdao. Danach wurde das Gebiet zum „Handelshafen unter besonderer Verwaltung“ ernannt, ehe es ab 1929 bis zur neuerlichen japanischen Besetzung 1937 als „Sonderzone“ unter direkter Verwaltung durch Beijing firmierte (Bauer 2000: 170, 178). Bis 1945 wurde Qingdao weitgehend von außerhalb regiert, sei es von Berlin, Tokyo oder Beiping (Beijing) aus. Folglich dominierten hier auch eher hierarchische Handlungsmodi bei der Bereitstellung öffentlicher Güter.

Anhand von Tianjin und Qingdao wird somit die gesamte Bandbreite der Varianz von Governance-Formen in entwickelten städtischen Räumen untersucht. Gemeinsam war beiden Städten ihre Rolle als Portale internationalen Handels und globalen Austausches, die sie in den Rang wichtiger nationaler Wirtschafts- und Innovationszentren erhob. Daher richteten sich die Flüchtlingsströme auch vor allem auf diese relativ wohlhabenden Städte, die über größere Ressourcen verfügten. Für jede politische Kraft in China war die Kontrolle über diese Städte von entscheidender Bedeutung. Die Errichtung von effektiven Governance-Formen in Städten wie Qingdao und Tianjin hatte eindeutige Priorität vor dem Regieren in anderen Regionen und auch vor anderen Aufgaben.

Zum zweiten Faktor: Neben der Differenzierung in Bezug auf das Vorhandensein lokaler Eliten entwickelte sich auch eine Gliederung in Bezug auf die Rolle trans- und internationaler Organisationen. In Tianjin, wo es zeitweise bis zu neun ausländische Konzessionen gab, hatten sich im Laufe des 20. Jahrhunderts zahlreiche  internationale Organisationen niedergelassen, die sich in Wohlfahrt, Katastrophenhilfe und Sicherheit engagierten. Damit waren dem chinesischen Staat nicht nur in einem wesentlichen territorialen Raum der Stadt, sondern zugleich auch auf den Politikfeldern Wohlfahrt und Sicherheit die Fähigkeit zur Durchsetzung verbindlicher Regeln und das Gewaltmonopol entzogen worden. Insofern handelte es sich bei Tianjin  in mehrfacher Hinsicht um einen Raum begrenzter Staatlichkeit. Selbst unter japanischer Besatzung war Tianjin ähnlich wie Shanghai eine im Grunde synarchistisch regierte Stadt (die französische Konzession bestand bis 1946, die italienische bis 1947).

In Qingdao hingegen ließ die japanische Kolonialmacht keine internationalen Organisationen zu, und alle transnationalen Verbindungen waren nach Japan hin ausgerichtet. Ein Vergleich der beiden Städte lässt somit Rückschlüsse zu auf den Stellenwert internationaler und transnationaler Organisationen und ihre Wirkung auf lokale Governance-Formen. Von Interesse ist in diesem Zusammenhang auch die Entwicklung nach 1949, als in den beiden Städten – vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Grade der Internationalisierung – ein Transfer sowjetischer Governance-Formen erfolgte. Es ist in diesem Zusammenhang danach zu fragen, ob Aneignungs- und Abwehrprozesse in Bezug auf die neuen Governance-Formen nach 1949 in beiden Fällen ähnlich oder unterschiedlich verliefen.

Zum dritten Faktor: Auf die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der von den jeweiligen Kolonialmächten etablierten Governance-Modi ist oben bereits kurz eingegangen worden. Tianjin ist ein klassisches Beispiel für eine semikoloniale Formation. Ausländische und indigene Gruppen teilten sich Aufgaben und Kompetenzen in der Verwaltung der Stadt. Dabei gelang es lokalen und internationalen Gruppen, den Verwaltungen Befugnisse abzutrotzen und sich an öffentlichen Angelegenheiten zu beteiligen. Auch in dieser Hinsicht stellte sich die Situation in Qingdao anders dar. Die japanische Kolonialverwaltung kannte weder verfassungsrechtliche Freiheiten noch repräsentative Körperschaften und die Stadt wurde als abhängiges Gebiet behandelt. Hier erlaubt es der Vergleich nicht nur, Governance unter unterschiedlichen Bedingungen kolonialer Herrschaft zu thematisieren, sondern auch danach zu fragen, inwieweit unterschiedliche koloniale Strukturen die postkoloniale Entwicklung beeinflussten.

Stellung innerhalb des Sonderforschungsbereichs

Das Teilprojekt B13 untersucht die Problematik des legitimen Regierens in Räumen begrenzter Staatlichkeit, die im Fokus von Projektbereich B „Governance-Institutionen“ steht. Der zentrale Beitrag unseres Projekts zu den übergeordneten Zielen des Sonderforschungsbereichs 700 liegt damit in einer näheren Bestimmung der Legitimität von Governance (→SFB-Ziel 3: Effektivität und Legitimität von Governance) in zeithistorischer Perspektive und mit Bezug auf die bis heute andauernden politischen Transformationen in China.Das Teilprojekt erkundet die historischen und systematischen Gründe für das hohe Maß an empirischer Legitimität (und nur um diese geht es uns), die den Aufstieg Chinas zur Weltmacht mit ermöglicht hat. Damit leistet das Projekt einen wichtigen Beitrag zum Forschungsprogramm des SFB, insofern es die theoretische und historische Einbeziehung eines spezifischen Transformationsprozesses erlaubt, der gerade im Bereich der Governance-Forschung im scheinbaren Widerspruch zu vielen etablierten Annahmen und konventionellen Theorien steht.

Unser empirischer Gegenstand ist der historische Systemwechsel, an dessem Ende die Etablierung der Herrschaft der KPCh steht. Das Teilprojekt untersucht die Prozesse der Produktion empirischer Legitimität durch unterschiedliche Governance-Formen. Der enge zeitliche Rahmen, in dem diese Prozesse verlaufen, erlaubt uns einen detaillierten Blick auf die Entwicklung von Governance-Arrangements über einen historischen, vermeintlich absoluten Bruch hinweg.

Damit stärken wir zugleich deutlich die historische und kulturelle Kontextualisierung von Governance-Institutionen innerhalb von Projektbereich B, indem wir zusätzlich zum frühmittelalterlichen Frankenreich (B10 Esders) das neuzeitliche China als weiteren Vergleichsfall einbringen. Darüber hinaus tragen wir gemeinsam mit den anderen vier historischen Teilprojekten (B10 Esders, C5 Rinke, D5 Leutner) zur Analyse der Formen diskursiver Steuerung bei. Weiterhin teilen wir deren Fokussierung auf historische Umbruchsituationen, wobei sich in unserem Fall – und das unterscheidet uns von den bestehenden historischen Teilprojekten – Räume begrenzter Staatlichkeit in Räume konsolidierter Staatlichkeit verwandeln. Damit behandelt unser Teilprojekt einen Fall, der genau konträr zur Entwicklung bei B10 Esders steht, der die politische und soziale Desintegration am Ende des Weströmischen Reiches und die daraus erwachsenden Probleme der Herrschafts-Legitimierung untersucht. Hier wird ein direkter Vergleich fruchtbar sein.

Somit ist Staatlichkeit für uns ein variierender Kontext, innerhalb dessen Governance-Leistungen erbracht werden und Legitimität generiert oder nicht generiert wird. Der Einfluss des „Schattens der Hierarchie“, der nicht nur zeitlich zwischen 1945 und 1957, sondern aufgrund der unterschiedlichen semikolonialen bzw. kolonialen Prägung auch räumlich zwischen Tianjin und Qingdao variiert, spielt für uns deshalb eine wichtige Rolle (→SFB-Ziel 2: Staatlichkeit als Kontextbedingung von Governance; D2 Börzel). Der variierende Grad von Staatlichkeit bedeutet andererseits, dass wir es im Verlauf der untersuchten 13 Jahre mit einer Überleitung nicht-hierarchischer in hierarchische Modi der Handlungskoordination, kurz: mit der Etablierung von Herrschaft, zu tun haben (→SFB-Ziel 1: Modi der Handlungskoordination und Machtverhältnisse).

Das Teilprojekt untersucht Aneignungs- und Abwehrprozesse im Rahmen von drei unterschiedlichen Gruppen von Governance-Transfers (→SFB-Ziel 4: Aneignungs- und Abwehrprozesse). Aneignung und Abwehr beruhen dabei ganz wesentlich auf der empirischen Legitimität der Transfers, so dass dieser Fragekomplex ebenfalls in engem Zusammenhang mit der übergreifenden Frage nach Legitimierung, Nicht-Legitimierung oder De-Legitimierung steht.

Während wir uns im Kontext von Projektbereich B auf den empirischen Aspekt von Legitimität beschränken, berühren wir inhaltlich viele gemeinsame Punkte mit den Projekten der Bereiche C und D, da wir nach der Rolle von Sicherheit und Wohlfahrt als Quellen der Output-Legitimität fragen. Hier bieten sich insbesondere folgende Kooperationen an: Hinsichtlich der Etablierung legitimer Sicherheitsstrukturen mit C6 Schröder; hinsichtlich des Zusammenhangs von Sicherheit und legitimer Staatlichkeit mit C9 Daxner; hinsichtlich der Rolle des „Schattens der Hierarchie“ für die Erbringung von Governance-Leistungen – bei uns etwa der Versorgung von Flüchtlingen – mit D2 Börzel. Darüber hinaus werden wir mit C5 Rinke in Austausch treten über die Bestimmung von Akteurskonstellationen in der Produktion von Sicherheit in Umbruchsituationen. Von der Kommunikation mit den rechtswissenschaftlichen Teilprojekten erhoffen wir uns näheren Aufschluss über die Rolle von Recht für die Generierung von Legitimität (B7 Schuppert, B8 Rudolf).

Von Bedeutung ist auch  D5 Leutner,  da dieses Projekt durch seinen Bezug zur Vorgeschichte in der Republikzeit relevant ist. Überschneidungen bestehen hinsichtlich der Untersuchung der Produktion von Sicherheit und Wohlfahrt, wobei der unterschiedlich zeitliche (1912-1928 bei D5) und räumliche (die südchinesische Provinz Guangdong) Rahmen Anlass für einen fruchtbaren Vergleich der Ergebnisse liefert. Gewichtige Unterschiede zwischen den beiden sino-historischen Projekten bestehen weiterhin darin, dass für uns Legitimität und nicht die Modi der Handlungskoordination im Mittelpunkt stehen, und dass in unserem Fall die bis heute wirkende Konsolidierung von Staatlichkeit nach 1949 den Fluchtpunkt darstellt.

In methodischer Hinsicht bietet sich der Erfahrungsaustausch mit den ebenfalls mikrohistorisch (C5 Rinke, D5 Leutner), historisch-vergleichend (D5 Leutner) und diskursanalytisch (C5 Rinke, D5 Leutner) arbeitenden Projekten an.

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[1] Im Bereich der privaten Wohlfahrt wurden beispielsweise in Shanghai von 223 Organisationen zwölf als „konterrevolutionär“ verboten, weitere 162 wurden geschlossen und ihr Vermögen konfisziert. Die verbliebenen 49 Organisationen, darunter das wegen seiner internationalen Beziehungen geschätzte Rote Kreuz sowie Song Qinglings „Chinesische Wohlfahrtsstiftung“, wurden meistenteils reorganisiert und unter verstärkte staatliche Überwachung gestellt (Dillon 2010: 97-98).

[2]Städte unter chinesischer Verwaltung spielten in unserem Zusammenhang zunächst nur eine geringe Rolle, da die meisten Flüchtlinge in die wohlhabenden Zentren drängten, die zumeist unter ausländischer Kontrolle gestanden hatten. Allerdings planen wir für die zweite Phase eine Ausweitung der Untersuchung auf ausschließlich von chinesischen Behörden verwaltete Regionen und Städte.