Projektbeschreibung

D5 -  Kooperationsnetze und lokale Governance-Formen: Ernährung, Wasserversorgung und Bildung im semi-kolonialen China, 1860-1911

 

Projektbeschreibung

Das Teilprojekt fragt nach spezifischen Ausprägungen von lokalen Governance-Formen im semi-kolonialen China der späten Qing-Zeit (1860-1911), als ein durch informelle Beherrschung ausländischer Mächte geschwächter bürokratischer Zentralstaat auf lokaler Ebene staatliche Aufgaben reduzierte und sich auf Distriktebene verstärkt komplexe Netzwerke von staatlichen und nicht-staatlichen einheimischen und westlichen Akteuren bildeten. Diese übernahmen Aufgaben der sozialen Grundversorgung (Ernährung, Sicherung von Wasserressourcen und Bildung), die weder die staatliche Bürokratie noch die Familien und Clans leisten konnten. Ziel des Teilprojektes ist zum einen die empirische Untersuchung dieser lokalen Kooperationspartnerschaften und der hier praktizierten Governance-Formen an Hand von Fallbeispielen aus den Küstenprovinzen Shandong (Nordchina) und Guangdong (Südchina). Beide weisen eine starke ausländische Präsenz auf, unterscheiden sich aber in Bezug auf Wirtschafts- und Sozialstruktur. Ausgehend von den politischen, wirtschaftlichen und juristischen Rahmenbedingungen sollen die soziale Zusammensetzung dieser Netzwerke, die unterschiedliche Ausgestaltung der internen Aushandlungsprozesse, die Handlungsspielräume und Repräsentanz der Akteure und deren jeweilige Einflussmöglichkeiten sowie Erfolgsbedingungen und Nachhaltigkeit in mikrohistorischen Studien vergleichend untersucht werden. In welcher Weise die eingeschränkte Souveränität des Qing-Staates insgesamt auf diese Kooperationen Auswirkungen hatte und wie die lokalen Vertreter kolonialer Macht und transnationaler Organisationen in diesen Netzwerken agierten, ist Teil der zentralen Fragestellung. Zum anderen sollen die hier gewonnenen Erkenntnisse fruchtbar gemacht werden für eine präzisere Bestimmung von semi-kolonialer Staatlichkeit, indem der Stellenwert dieser Kooperationen auf der makrohistorischen Ebene, im politischen Machtgefüge des bürokratischen Qing-Staates, im Prozess der Etablierung „moderner“ lokaler Selbstverwaltungsorgane und „zivilgesellschaftlicher“ Strukturen wie des Nationalstaates insgesamt herausgearbeitet wird.

Die empirische Untersuchung lässt sich von politikwissenschaftlichen Fragestellungen (Governance; Politikpartnerschaften; weiche Steuerung) und dem Konzept des Kulturtransfers leiten und hat zugleich den Anspruch, diese Konzepte am historischen Material zu überprüfen und ggfs. zu modifizieren.